Perspektivwechsel – im Gespräch mit Chefredakteur der FuWo

CLIQUE im Interview mit Horst Bläsig – Chefredakteur der Fußball-Woche

Die Fussball-Woche ist eine deutsche Fußball­zeitschrift aus Berlin und existiert seit 1923. Wir trafen uns mit dem Chefredakteur Horst Bläsig, der Ende der 80iger Jahre sein Volontariat vor Ort absolvierte und von 1992-2000 als Redakteur tätig war. Seit 2006 ist er mit ungebrochener Leidenschaft Chefredakteur der FuWo. Bei Rapide Wedding und Hansa 07 spielte er selbst, aber das ist schon ewig her und war mehr zum Spaß, wie er uns verriet.

Horst Bläsig traf ich im Hotel Steglitz International. An­lass war die Vorstellung des Millionen-Deals eines chi­nesischen Investors mit dem Regionalliga-Verein FC Viktoria 1889 in Lichterfelde. Ich freue mich, einen Men­schen interviewen zu dürfen, der den Berliner Fußball von einer anderen Perspektive aus sehen kann und habe im „Hoppegarten“ in Steglitz auf einen Drink mit ihm ein paar Fragen stellen können.

Anita Tusch mit Horst Bläsig (Chefredakteur FuWo)

Wir haben gehört, dass der FC Viktoria große Pläne hat. Vielen der Gäste dieser Pressekonferenz kamen die Aus­sagen nebulös vor. Glaubst Du, dass mit der finanziellen Unterstützung aus Fernost der Verein in die Bundesliga geführt werden kann?

Die Bundesliga liegt da wohl eher noch in weiter Ferne. Allein der Sprung von der Regio­nalliga in die 3. Liga und danach in die 2. Bundesliga wird schwierig genug. Geld von Investoren ist sicherlich immer hilfreich, aber es wird auch auf andere wichtige Dinge an­kommen, zum Beispiel strukturelle Entwicklungen.

Mich persönlich hat verwundert, wieso ein chinesischer Hotel-Milliardär ausgerechnet auf Viktoria kommt und Berater von 7Sports als Bindeglied fungieren. Ist Viktoria wirklich der größte Fußballverein Deutschlands?

Die Größe eines Vereins misst sich in diesem Fall nicht an der Mitgliederzahl. Tatsächlich ist Viktoria der Verein mit der größten Nachwuchsabteilung Deutschlands. Insgesamt sind 60 Mannschaften im Spielbetrieb. Zum ersten Punkt der Frage: Es wird gemunkelt, dass zuerst Vereine wie Union und Hertha angefragt worden sind. Allerdings fan­den die Chinesen nur bei Viktoria ein offenes Ohr.

Wir schreiben seit 2010 immer wieder über Südberliner Vereine. Stimmt der Eindruck, dass Politik und Kommerz eher im Vordergrund stehen als sportliche Aspekte? Das kann ich so nicht bestätigen. Sicherlich sind alle Vereine auf der Suche nach Unterstützern und Sponsoren, dennoch steht der Sport gerade auch bei den Südberliner Vereinen immer noch an erster Stelle.

Wir konnten in den letzten Jahren Veränderungen in Traditionen wahrnehmen, was zum Beispiel den Zusam­menhalt und das Treffen nach den Spielen anbelangt. Ist Fußball immer noch ein Breitensport? Und inwiefern hat sich dieser Sport in den letzten Jahren aus Deiner Sicht verändert? Selbstverständlich ist der Fußball immer noch Breitensport. Das zeigt allein der nach wie vor starke Zu­lauf von Kindern und Jugendlichen. Leider können nicht alle aufgenommen werden, da den Vereinen oftmals Betreu­er, Trainer und Trainingsplätze fehlen. Was sich verändert hat, ist das Zuschauer- und Freizeitverhalten. Viele Fußball­interessierte setzen sich sonntags lieber gemütlich vor den Fernseher und schauen Bundesliga im Pay-TV als auf den Platz um die Ecke zu gehen. Vor allem im Winter ist das ver­mehrt zu beobachten. Auch das Freizeitverhalten insgesamt hat sich verändert. Einen nicht geringen Teil unserer Frei­zeit verbringen wir heutzutage damit E-Mails zu lesen, zu beantworten, Nachrichten zu schreiben, einzustellen und zu posten. Das sind mitunter ja durchaus schöne Sachen, aber es raubt viel Energie und Zeit. Vielleicht sind die virtuellen sozialen Kontakte gestiegen, aber leider bleiben persönliche Begegnungen dadurch eher mal auf der Strecke. Sich nach dem Spiel gemeinsam mit den Familien hinzusetzen, ist spürbar weniger geworden. Insgesamt hat der Profifußball den Amateurfußball ziemlich erdrückt, was auch an den Zu­schauerzahlen abzulesen ist.

2013 hast Du in der FuWo einen Kommentar zum Thema Manipulation und Gefahren bezüglich von Sportwetten im Amateurbereich geschrieben und die Zustände offen kritisiert. Hat sich in den letzten Jahren diesbezüglich etwas verändert? Es hat auf jeden Fall eine Sensibilisie­rung für dieses Thema gegeben. Die Überwachung von möglichen Manipulationen ist intensiviert worden, Auf­fälligkeiten werden schneller entdeckt und gemeldet. Aber solange im Fernen Osten auf Spiele in deutschen Amateur­klassen gewettet werden kann, sei es nun legal oder inoffi­ziell, ist weiterhin der Manipulation Tür und Tor geöffnet. Ein Amateurspieler, der wenig mit dem Fußball verdient, ist natürlich anfälliger dafür als ein Profikicker. Letztlich handelt es sich aber zum Glück nur um einige wenige schwarze Schafe.

Bei den Big Playern wird viel über System und Taktik ge­sprochen. Kommt das überhaupt in den Amateurligen an oder ist das nur für die „Großen“? Ich würde schon sagen, dass die grundlegenden taktischen Neuerungen im Fußball auch nach unten durchschlagen. Inwieweit die Umsetzung funktioniert, hängt natürlich ganz erheblich von Qualität und Ausbildung der jeweiligen Trainer ab. Von Seiten der Verbän­de wird da aber gute Arbeit geleistet. Das betrifft sowohl die Trainerfortbildung als auch die Schiedsrichterschulung.

Wird sich der Sport weiter verändern? Naja, ehrlich gesagt finde ich den eSport, der sich gerade zu etablieren beginnt, sehr fragwürdig. Jeder soll ja seinen Spaß haben, meinetwe­gen auch an der Konsole. Aber was hat das mit Sport zu tun? Sport bedeutet doch Bewegung, möglichst an der frischen Luft, und nicht, sich den Hintern plattzusitzen.

Ist der Frauenfußball endlich etabliert? Ja, sicher. Im Sü­den Berlins hat z.B. Viktoria eine sehr starke Frauenmann­schaft. Und zu Turbine Potsdam in der Bundesliga ist es auch nicht weit. Die Erfolge der deutschen Frauen-Natio­nalmannschaft sprechen für sich. Mittlerweile legen viele Top-Vereine Wert darauf, auch ein eigenes Frauen-Team in der höchsten Klasse zu haben, siehe den VfL Wolfsburg und Bayern München.

Sind Traditionen wichtig? Worauf sollten sich Vereine wieder besinnen? Ich glaube, dass im Fußball Traditionen generell wichtig sind. Das Interesse und die Liebe zum Fuß­ball sowie zum Verein sind etwas, das über Generationen hinweg weitergegeben wird. Menschen und ganze Familien verbinden gemeinsame emotionale Erlebnisse im Stadion, sie schimpfen, fluchen, jubeln und weinen. Das sind prägen­de Momente. Traditionen sind wichtig, was aber nicht heißt, dass Vereine im Gestern leben sollten. Davon allein kann kein Verein zehren. Besinnen sollten wir uns wieder, das Eh­renamt stärker anzunehmen. Die Nachwuchsprobleme sind nur lösbar, indem Bereitschaft gezeigt und Verantwortung übernommen wird.. Es reicht nicht aus, nur die Angebote wahrzunehmen. Einsatz und Mitgestaltung sind gefragt.

Worauf möchtest Du Dich persönlich wieder besinnen? Ich hätte da einen Wunsch an uns alle. Sonntags nicht vor dem Fernseher oder Rechner hängen, sondern einfach an­ziehen, im Winter halt etwas wärmer, und mal einen Sonn­tags-Spaziergang zum Sportplatz in der Nähe machen und gemeinsam die frische Luft und das Spiel genießen.

Vielen Dank, Horst, dass Du Dir für uns Zeit ge­nommen hast

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