Luxus…Land

Tiere können nicht denken, doch ich glaube, dass jedes Tier eine Seele hat. Instinktiv handeln sie ohne nachzudenken. Sie müssen nicht überlegen oder sich Sorgen machen. Tiere quälen auch nicht aus Lust und Laune andere Tiere. Doch der Mensch…

Kann es sein, dass wir uns als Stadtmenschen kaum bis fast gar nicht einen Kopf machen, was mit Tieren passiert? Abgesehen davon, dass wir sie im Zoo besuchen können oder uns wünschen, dass wir gesundes und gutes Fleisch auf den Tisch bekommen. Eier und Milch sollten hoffentlich von selbstverständlich glücklichen Tieren stammen. Haben wir sogar die Nähe zu Tieren verloren? Meine Sichtweise zum Thema Fleisch hat sich aufgrund der Medien schon seit einer ganzen Weile verändert. Ich kaufe fast gar keinFleisch mehr und wenn, dann achte ich auf Qualität. Früherfand ich es komisch, wenn jemand Vegetarier oder gar Veganer war, heute – finde ich diese Form von Ernährung äußerst spannend. Übrigens, wer glaubt, dass durch die vielen Fleischskandale der Konsum gesunken sein könnte, täuscht. Der Fleischkonsum der Deutschen ist laut der Statistikplattform Statista konstant. Doch das Kaufverhalten soll sich geändert haben, es achten viel mehr Menschen auf Qualität und Herkunft, erfuhr ich zufällig von einem Berliner Fleischfabrikanten. Ich schweife ab, aber das kennt ihr ja schon von mir.

Eigentlich möchte ich über Annette Riedel schreiben. Sie ist freischaffende Architektin und lebt gemeinsam mit ihren Töchtern und ihrem Bruder auf einem 7000 qm großem Grundstück in Michendorf, nahe Zehlendorf. Ihr kleines Domizil trägt den Namen „Muckeles Farm“ und ist ein Lebenshof. Sie bietet Tieren Unterkunft, die an sich dem Schlachthof geweiht sind.

Annette, wie hat das alles angefangen? Also, die Meerschweinchen hatten wir bereits bevor wir den Hof kauften. Dann wollte meine Tochter unbedingt einen Hund. Wenn, dann bitte nur einen Straßenhund, so können wir ein Tier retten, welches wirklich Hilfe benötigt, sagte ich damals spontan zu meiner Tochter. Wir entschieden uns für einen rumänischen Hund. Anfangs war sie sehr ängstlich, doch mit viel Liebe und Geduld fand sie dann Vertrauen zu uns. Heute ist sie unsere liebste Begleiterin. Es dauerte nicht lange, da ging es weiter, mit einem geretteten Riesenhasen.

Bella lebte auf engstem Platz mit anderen Hasen in einem Käfig bei einem privaten Kaninchenzüchter.

Sie sollte geschlachtet werden, aber meine Tochter kaufte sie für 5 Euro und wir brachten sie her. Noch heute erinnere ich mich an seinen ersten „riesen Sprung“, den Bella vor Freude machte, weil wir so viel Platz für sie hatten. Danach kamen die Hühner hinzu. Die „alten Damen“ konnten angeblich keine Eier mehr legen und für die Suppe waren sie einfach schon zu alt. Mittlerweile haben wir eine Hühner-Voliere gebaut, und lustiger weise legen manche jeden Tag ein Ei. Wir essen keine, aber unsere Freunde freuen sich darüber.

Wir haben heute ein sonniges Wetter. Anette serviert Tee, natürlich mit selbstgepflückter Minze. Nebenbei erfahre ich dann noch, dass sie zwei Schweine, Lilly und Sally aufgezogen hatte. Beide lebten unter erbärmlichen Zuständen auf einem Schweinehof. Doch irgendwann musste sie sich entscheiden, ob sie den beiden eine Bleibe bieten konnte.

„Es wurde irgendwann kritisch. Wenn zwei Weibchen die Rausche bekommen, brechen sie gerne aus und drehen auch schon mal alleine eine Runde. Glaube mir, die können so einiges durcheinander bringen“, lacht Annette, leicht wehmütig. „Wir mussten uns entscheiden und haben die beiden in Thüringen auf einem anderen sehr schönen Lebenshof unterbringen können.“

Wie finanzierst du das alles? Es ist nicht immer einfach. Ich finanziere uns durch meine Arbeit als Architektin mit eigenem Büro. Neben der Arbeit ist die Tierpflege aber ziemlich anstrengend und alleine kaum zu schaffen. Wir arbeiten daher seit 2015 mit der Internetplattform Workaway, zusammen. Für Arbeit auf dem Hof werde ich von meist jungen Menschen unterstützt, die für 2 bis 6 Wochen freiwillig gegen Kost und Unterbringung helfen. Meine Gäste sind neugierig auf die Tiere und wollen meistens mehr über die vegane Lebensweise erfahren. Auch können sich unsere Besucher gleichzeitig über Tierschutz, Klimaschutz und den Zusammenhang mit einer pflanzlichen Ernährung informieren. Während ihres Aufenthaltes haben sie oft zum ersten Mal Kontakt zu Nutztieren. Viele, die am Anfang nicht vegan lebten, überlegen es sich nach der Erfahrung hier und tun es inzwischen. Einige bringen zusätzlich gute Ideen und Kreativität mit ein, was wir sehr schätzen.

Warum hast Du Dir solch ein Leben, welches ich mir nicht einfach vorstelle ausgesucht? Ich glaube, das Leben hat eher mich gesucht und gefunden. Als ich vor 6 Jahren von einer Vegetarierin zur Veganerin wurde entstand der Wunsch, mehr Aufklärung über das Leid der Nutztiere zu leisten. Ein Lebenshof ist einfach eine sehr gute Möglichkeit um das zu tun. Außerdem brauche ich Land um mich herum. Natürlich ist hier viel zu tun und nicht immer ist das Geld ausreichend. Doch die Tiere, die bei uns sind und die Menschen, die uns besuchen schenken uns immer wieder die Kraft weiter zu machen. Die Menschen freuen sich, wenn sie bei uns sind. Unsere Tiere sind wie liebevolle Mitarbeiter. Es ist wirklich so – die Menschen sind glücklich, wenn sie mal ein Tier anfassen können. Für die meisten ist ein Tier doch heute abstrakt geworden. Ich bin im Übrigen der Meinung, dass Tiere sehr wohl denken können. Das hat das jahrelange Miteinander hier gezeigt. Bei Menschen bin ich mir manchmal nicht ganz sicher 🙂  Schafe können ein Gesicht über Jahre behalten, und Hühner können zählen. Krähen können mit ihrem Schnabel kniffelige Aufgaben lösen und Schweine haben die Intelligenz eines Dreijährigen! Leider haben Kinder heutzutage fast gar keinen Kontakt mehr zu Tieren.

Das ist etwas was ich in einer Plastiktüte eingeschweißt aus dem Supermarkt mitnehme.

Sie müssen sich schon in jungen Jahren mit Klimawandel, Fleischkonsum und Plastikmüll beschäftigen. Das macht sich bemerkbar. Die Jugendlichen sind uns gegenüber sehr aufgeschlossen und engagiert. Daher biete ich auch vegane Kochkurse für Kinder an Schulen an.

 

Was für Wünsche sind noch offen? Gerne hätte ich noch ein paar Schlafgelegenheiten für meine Gäste. Ich möchte meine schöne Backsteinscheune renovieren und zum Gästehaus umbauen. Ich wünsche mir, eine Art Retreat für Aktivisten zu schaffen und solche, die es werden wollen. Gerade Menschen, die sich für Tierrechte und Klimaschutz einsetzen, haben etwas Aufmunterung in friedvoller Umgebung nötig. Berlin ist z.Zt. die vegane Hauptstadt in Europa. Viele wichtige Events finden hier statt und ziehen Menschen aus aller Welt an, die sich engagieren möchten. Es ist zuweilen sehr anstrengend für Veganer in dieser Welt und auf der Muckelesfarm leben wir so, wie wir uns die Welt in Zukunft vorstellen. Die Natur um uns herum und die Gegenwart dieser friedvollen Wesen ist einfach Balsam für die Seele…

Was ist für Dich Luxus? Also du meinst teure Brillis, oder so? ….ich zucke mit den Schultern und lächel. Sie weiß, dass ich das nicht meine und fährt fort….

Nicht jeder würde automatisch das Wort Luxus damit verbinden, morgens um 6.00 Uhr aufzustehen und Tiere zu füttern. Trotzdem fühle ich mich wirklich bereichert. Das Kostbarste heutzutage ist wahrscheinlich Zeit – und zwar selbst bestimmte. Ich kann etwas tun was meinem Leben einen Sinn gibt. Dies ist finde ich ein Luxus, den man gar nicht mit teuren Sachen aufwiegen könnte. Luxus ist auch, hier in der Natur leben zu dürfen. Anstatt in einer Wohnung mein Dasein zu fristen bin ich da wo andere Urlaub machen. Ich esse mein eigenes Gemüse und Obst und viele Kräuter kann ich selbst anpflanzen und ernten.

Vielen Dank für dieses schöne inspirierende Interview, Annette.

Autor: Anita Tusch

www.lasst-die-tiere-leben           FB Muckelesfarm  

Foto Headline: Copyright Henrik Haßel

 

 

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