Himmel oder Hölle?

Eine Fahrt auf einem Kreuzfahrtschiff, das konnten sich früher nur Auserwählte leisten. Heutzutage grenzt das Reisen mit einem Schiff schon fast an Massentourismus. Dennoch, eine Kreuzfahrt steht noch immer für etwas ganz Besonderes. Etwas, was man sich leistet: Bequemlichkeiten, Komfort und der Luxus sich viele Städte auf der Welt innerhalb einer kurzen Zeit anschauen zu können.

Anita mit Lydia Malcherek im Interview

Doch was bedeutet es auf einem Kreuzfahrtschiff zu arbeiten. Ist das Luxus oder Hölle? Wir sprachen mit Lydia Malcherek. Sie ist die Society-Lady des Kurfürstendamm, eine exzellente Netzwerkerin sowie Schirmherrin des Ballformats GlamourNight „Smoking trifft Abendkleid“.

Lydia beschäftigt sich seit über 24 Jahren mit dem An- und Verkauf von Schmuck sowie Uhren und ist spezialisiert auf Edelsteine.Über 18 Jahre arbeitete sie als Juwelier-Fachverkäuferin am Kurfürstendamm. Letztes Jahr wurde das Geschäft verkauft.

Lydia, du bist über 8 Monate auf hoher See auf verschiedenen Kreuzfahrtschiffen gewesen, wie bist Du auf diese verrückte Idee gekommen? Je länger ich am Ku´Damm im Juweliergeschäft saß, umso größer wurde mein Wunsch, die Welt bereisen zu wollen. Ich wollte einfach raus aus Deutschland. In den letzten 18 Jahren hatte ich nie mehr als 1 Woche Urlaub. Dadurch fühlte ich mich an meinem Job und an Berlin extrem gefesselt. Von der ersten Minute an, als ich vom Verkauf des Geschäftes erfuhr, habe ich das als Willkommensgruß und als Chance angesehen neue Wege einzuschlagen. Es war die Kombination aus Arbeit und Reisen, die mich reizte auf einem Kreuzfahrtschiff zu arbeiten. Und ehrlich gesagt, konnte ich das „Graue“ hier in Berlin nicht mehr ertragen. Viel Gemecker auf hohem Niveau. Ich wollte einfach nur raus und zwar am Liebsten so weit weg wie möglich.

Welche Tour war deine erste und welche war die Schönste? Eine Metropolen-Tour war die erste Fahrt. Es ging von Hamburg nach Southampton, LeHavre, Zeebrügge und Rotterdam. Doch ehrlich gesagt, war mir das immer noch nicht weit genug. Richtig wohl habe ich mich erst gefühlt, als wir in den Emiraten waren. Jordanien, Indien und Israel, da fühlte ich mich wohl. Mein Durst wurde gestillt. Alles in allem habe ich viele schöne Orte auf der Welt gesehen und ebenso viele wundervolle Menschen kennengelernt.

Viele träumen davon mal mit einem Luxus-Dampfer durch die Welt zu shippern. Einige können sich nichts Besseres vorstellen, als auf solch einem zu arbeiten – inmitten von Urlaub, Luxus und Abenteuer. Wie ist deine Quintessenz der letzten 8 Monate? Diese 8 Monate haben mein Leben verändert. Es ist schwierig die Eindrücke zu beschreiben. Eigentlich bin ich für Work&Travel ja viel zu alt. Es ist durchaus  ein Luxus, den ich mir gönnte. Denn die Kosten in Berlin sind ja dieselben geblieben und der Verdienst ist nicht gerade exorbitant hoch. Ganz im Gegenteil. Doch für junge Leute, die keine eigene Wohnung, bzw. laufende Kosten haben, ist dies finanziell eine schöne Sache, denn du kommst ja kaum dazu dein Geld auszugeben. Von dieser Zeit und den Erfahrungen, können sie ein ganzes Leben profitieren.

Welche wichtigen Eigenschaften muss ich besitzen, um solch eine Tour mitmachen zu können? Ganz ehrlich, für dich wäre das nichts, Anita

 Ja, das weiß ich, mir wird ja schon bei dem Wort Kreuzfahrt schlecht“….und wir müssen beide lachen.

Du solltest ein paar Dinge wissen, bevor du dich auf solch ein Abenteuer einlässt. Sehr wichtig ist zum Beispiel, dass Du Menschen magst und zwar aus allen Ländern. Das Board-Team alleine setzt sich aus unterschiedlichsten Nationen zusammen. Englisch ist die Hauptsprache auf dem Schiff. Auch wichtig, Du solltest schwimmen können und das Wasser lieben. Pflicht ist es, eine qualifizierte Ausbildung vorzuweisen. Auch möchte ich erwähnen, dass es wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass es auf dem Schiff Rangordnungen gibt und du auch Arbeiten absolvieren musst, die normalerweise nicht zu deinen Aufgaben gehören.

Alkohol ist ein absolutes NoGo. 0,5 Promille in der Freizeit ist die Obergrenze. Jedoch prinzipiell überhaupt nicht gerne gesehen. Wer über die Promillegrenze liegt, findet seinen Koffer kompromisslos vor dem Schiff wieder. Auch darfst du dir keine Fehler leisten, du musst immer parat stehen. Wer glaubt er könne am üppigen Buffet der Gäste teilnehmen, sollte sich auf eine extra Mensa für die Crew vorbereiten. Die war allerdings gar nicht sooo schlecht. Das Team muss immer funktionieren, teils hatten wir 14-Stunden-Tage. Das ist ein echter Knochenjob. Und nicht vergessen: immer ein Lächeln im Gesicht beibehalten und das auch, wenn schlechtgelaunte Gäste an Bord sind. Für Befindlichkeiten gegenüber den Gästen gibt es keinen Raum. Hier gilt „Der Gast hat immer Recht“ – auch, wenn es nicht an dem ist. Auch musst du Abschied nehmen können, denn hier wechseln die Crews ständig. Du hast eine 7-Tage-Arbeitswoche! Wer Probleme mit seinen Füßen hat, sollte zu Hause bleiben, denn du bekommst vom vielen Stehen echt dicke Beine. Natürlich gehört dazu Laufen, Laufen, Laufen und ein guter Orientierungssinn, wäre von Vorteil.

Das klingt ziemlich ungemütlich. Was entschädigt diese harte Arbeit? Ja, das war auch harte Arbeit. Doch irgendwann gewöhnst du dich an diesen Arbeitsrhythmus. Eine Entschädigung sind die vie len, wundervollen Städte, die ich dadurch gesehen habe und die unzähligen Menschen, die ich kennenlernen durfte.

Und die Vorfreude auf das, was du noch nicht kennst. Es war immer wieder ein schönes Gefühl

Immer wenn die Luke auf geht, öffnet sich eine neue Welt.

(Lydia Malcherek)
 

Welche Orte hast du besonders in Erinnerung?  Mich hat Oman besonders fasziniert. Die Natur ist einfach überwältigend. Es sieht ähnlich aus, wie die Fjorde in Norwegen, nur dass hier Delphine und Nemo-Fische herumschwimmen. Ich mochte die Wärme dort und dass ich bis auf 30 m auf den Grund des Meeres schauen konnte. Indien hat mich wie Bombai völlig beeindruckt. Alles ist so bunt und die Vielfalt der Kulturen ist gigantisch. Jeder akzeptiert hier jeden. Du bist umgeben von vielen sehr freundlichen und friedlichen Menschen. Armut und Reichtum entspannt sich gemeinsam am Goa Strand. Bunt und hektisch sowie pulsierend habe ich die Stadt Mombai empfunden. Ich hatte das Gefühl, dass es überall nach Gewürzen duftet. Die hinduistischen Tempel üben eine unvergessliche Faszination aus. Arme Menschen lächeln, wirken zufriedener als wenn ich durch Berlin laufe. Wo ich auch immer wieder hinfahren würde ist Israel, Jerusalem, Betlehem und Tel Aviv. Wie sagt man so schön, Jerusalem betet, Haifa arbeitet ..und Tel Aviv tanzt. Tel Aviv ist so unheimlich modern und lebendig, dagegen ist Jerusalem eher ursprünglich. Zwei Welten die den Nahen Osten unterschiedlicher kaum reflektieren können. Tel Aviv mit seinen Gay-Partys und queerfreundlichen Hotels ist eine der aufgeschlossensten Städte der Welt.

die Klagemauer in Jerusalem

Hast Du von den Kriegen etwas mitbekommen oder eine kriegerische Atmosphäre erlebt? Nein, die Palästinenser haben mit den Israelis überhaupt kein Problem, es ist hier alles sehr friedlich gewesen. Das Problem konzentriert sich auf den Gaza-Streifen, dort findet der Krieg statt. Ich kann dieses Land nur empfehlen. Die Menschen leben hier als wenn es kein Morgen gäbe. Alles ist so frei und offen. Und wenn du versehentlich etwas liegen lässt, wird es dir hinterher getragen.

Mir wird ja relativ schnell auf einem Schiff schlecht, stimmt es, dass man gar nicht merkt, dass man auf dem Wasser ist? Ja, das stimmt grundsätzlich schon, hängt jedoch natürlich auch vom Seegang ab. Im Orient hatten wir Badewannenwasser, nicht eine Welle. Das ist sehr entspanntes Fahren gewesen. Bei 10 ½ Meter Wellengang sieht das jedoch ganz anders aus. Das habe ich in den 8 Monaten nur einmal erlebt. Wir fuhren von Southhampton nach LeHavre. Ich fand es lustig, doch ¾ der Besatzung und bestimmt die Hälfte der Crew fand das weniger lustig. Sie lagen in ihren Kabinen über dem Waschbecken, falls sie es überhaupt so weit geschafft haben. Übrigens, je höher du wohnst umso schlimmer empfindest du den Seegang, das sollte man vielleicht bei einer Buchung beachten. Ich war glücklicherweise auf Deck 5 von insgesamt 15 Decks.

La Mar – Dubai

Das lustigste was ich bei diesem Seegang erlebte, war eine Gruppe von Ärzten. Sie hatten sich in der Schiffs-Disco versammelt um einen Geburtstag zu feiern. Sie wollten sich auf keinen Fall durch hohen Wellengang vom Feiern abhalten lassen. An den Tischen sitzen war ja nun nicht mehr möglich, zumal auch die Gläser und Flaschen umgefallen sind. Tanzen ging bei dem Seegang gar nicht. Du fliegst nämlich nur von einer Wand zur nächsten. Was haben sie gemacht? Sie habe eine Sitz- und Liegeparty gefeiert. Das war zum Piepen komisch, diese Bilder werde ich niemals mehr aus meinem Kopf bekommen.

Kannst du das Arbeiten auf einem Kreuzfahrtschiff empfehlen? Das Arbeiten auf einem Kreuzfahrtschiff ist sehr speziell. Es gibt viele unterschiedliche Job-Angebote. Ob das etwas für Dich oder mich ist, muss letztendlich jeder selbst entscheiden. Ich fand die Zeit klasse, auch wenn es wirklich sehr anstrengend war. 14 Stunden stehen, bzw. arbeiten ist nicht jedermanns Sache. Meine Beine waren am Anfang so dick, dass ich dachte, das geht nie wieder weg. Wenn du Familie hast, eine eigene Wohnung finanzieren musst usw. musst du dir diese Zeit ernsthaft leisten können. Insofern ist es Luxus dort zu arbeiten, denn es bleibt nicht viel Geld übrig. Wenn du jung und ungebunden bist, vielleicht sogar noch zu Hause bei den Eltern wohnst lohnt es sich finanziell eher. Aber auf jeden Fall ist es eine Erfahrung für dein ganzes Leben.

Muscat Oman

Gibt es noch etwas, was du Interessierten mit auf den Weg geben möchtest? Ja, wichtig ist zu wissen, dass der erste Vertrag über ein halbes Jahr geht, danach werden Verträge für 3-6 Monate geschlossen. Manche bleiben 2-3 Jahre, doch wenn sie dann zurückkehren finden sich die meisten im normalen Leben nicht mehr zurecht. Auch möchte ich hier erwähnen, dass der Zusammenhalt im Team extrem gut ist. Na klar gab es auch Zickereien, doch zum Schluss ist alles eine gute große Familie. Bedenke, als Einzelgänger hast du kaum eine Chance – und nicht vergessen – kein Platz für persönliche Befindlichkeiten. Auch hat sich für mich bewahrheitet, dass Reisen bildet. Wenn ich daran denke, wie viel Schrott verbreitet wird und uns eine Menge Vorurteile bestimmen, werde ich richtig sauer. Da ist solch eine Reise gut, um den Mist mal aus dem Kopf zu bekommen. In den Emiraten ging es sehr respektvoll zu, vor allem Frauen gegenüber. Mir ist nichts Schlechtes widerfahren, in keinem Land. Mir ist aufgefallen, wie kleingeistig wir Deutschen doch sind. Land und Leute kennenlernen – das ist etwas, was wirklich zählt und den Horizont erweitert.

Mumbai

Was würdest du abschließend sagen, Himmel oder Hölle? Und, würdest du diesen Trip noch einmal wagen? Ja, das würde ich, wenn ich es mir leisten kann. Ich möchte unbedingt noch die Antillen sehen. Und wieder nach Indien, Israel….ach, alles einfach noch einmal in die Hölle und in den Himmel!

Danke für dieses schöne Interview, Lydia!

Autor: Anita Tusch

 

2 Antworten zu "Himmel oder Hölle?"

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    Lydia Malcherek 2. Oktober 2018 (08:31)

    Danke für den schönen Bericht. ❤👍

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    Günter Wendt 6. Oktober 2018 (16:33)

    Wunderbare, sachliche Schilderung. Nach meinen jetzt schon 12 Kreuzfahrten kann ich das alles sehr gut nachvollziehen.

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