Die Frauen werden nicht früh genug wütend!

Wieso steigt eine Frau nach 14 Jahren Kripo und Beamtenstatus aus und begibt sich in die unsichere Welt der Selbständigkeit? Wir sprechen mit Sandra Cegla, die viele Jahre die Abgründe der Gesellschaft, die Täter sowie die Opfer als Kriminalkommissarin kennengelernt hat. Von versuchtem Mord bis Totschlag sowie schwere Körperverletzung und vor allem häusliche Gewalt landeten die Akten immer wieder bei ihr auf dem Schreibtisch. „Meist waren es halbtot geprügelte Frauen, die Stalking-Erfahrungen gemacht haben, die nirgends dokumentiert waren. Das kann nicht so bleiben, ich muss etwas tun!“ sagte sie sich immer wieder und gründete „SOS STALKING“.

Wir treffen uns im Tempelhofer Hafen und kommen schnell ins Gespräch.

Wo fängt eigentlich Stalking an, Sandra? Stalking fängt da an, wo du getrennte Wege gehen möchtest oder sagst: Lass mich in Ruhe“ und es wird nicht akzeptiert. Im Gegenteil, Stalker legen oft sehr beharrliches Verhalten an den Tag und neigen zum Psychoterror. Aber wo fängt die Grenzüberschreitung an? Sich dessen bewusst zu werden, wo persönliche, kommunizierte Grenzen nicht gewahrt werden, ist unheimlich wichtig. Häufig lassen sich besonders gut sozialisierte Frauen mit Anstand im Rahmen einer Trennungskrise viel gefallen, bis sie sich zur Wehr setzen. Sie wollen oft Verletzungen vermeiden und nehmen damit ihre eigene Verletzung in Kauf. In der Zwischenzeit kann das Stalking dann längst chronisch geworden sein. Hier kann es schwierig werden, aus der Situation wieder heraus zu kommen. Je früher man aktiv wird, umso besser.

Stimmt es, dass auch Männer häusliche Gewalt erfahren und Stalking-Erfahrungen machen müssen? Ja, das ist richtig, allerdings ist das der kleinere Teil der Betroffenen. In 80% der Fälle sind Frauen die Opfer. Den meisten Fällen geht übrigens eine intime Beziehung voraus. Auch am Arbeitsplatz, in der Familie oder innerhalb von Freundschaften, sowie im Start-Up- und Prominentenbereich ist Stalking immer wieder ein Thema.

Was ist besonders wichtig, den Frauen oder Betroffenen mit an die Hand zu geben? Sandra Cegla – SOS Stalking

Also ganz wichtig ist, dass sie sich einer Vertrauensperson öffnen und von ihren Problemen berichten. Feedback von außen ist sehr wertvoll. Stalking ist ein Verhalten, welches unter Strafe steht, also kein Kavaliersdelikt. Es ist und bleibt eine Straftat, die die Betroffen nachhaltig krank machen kann. Häufig sind auch die Stalker schwer krank, so dass die Betroffenen ihren Wunsch nach Einsicht und Klärung des Konflikts niemals erfüllt bekommen können. Das Wissen, dass es Stalkern an Unrechtsbewusstsein und Empathiefähigkeit mangelt sowie sein Stalking-Verhalten oft ausschließlich von SEINER Phantasie abhängt, ist sehr wichtig. Man sollte sich zwar immer konsequent verhalten, um das Stalking nicht zu verschärfen und doch können sie die Umdeutungen der Aussagen und die Handlungen des Stalkers oft nicht verhindern.

Wichtig ist auch: Stalking kann in Einzelfällen sehr gefährlich werden. Ich halte mich daher mit allgemeinen Verhaltenstipps eher zurück und plädiere auf eine individuelle Betrachtung des konkreten Falls. Suchen Dir also so früh wie möglich fachkundige Hilfe.

Warum kommen viele Frauen nicht aus der Situation heraus? Das Verhalten eines Stalkers ist häufig hoch manipulativ. Die Frauen schämen sich meist und suchen die Schuld bei sich selbst. Vor allem in einer Beziehung ist das zu beobachten. Selbstreflexion spricht zwar in erster Linie für die Frau, doch genau dies ist das Handwerkszeug eines Stalkers. Die Frauen werden einfach nicht früh genug wütend.

Warum bist du aus dem Polizei-Apparat ausgestiegen? Kann hier die Polizei nicht vernünftig weiterhelfen? Das kann ich genau sagen. Stalking ist ein hoch komplexes und psychologisches Phänomen, das in aller Regel nur mit einem Bündel aus Maßnahmen bekämpft werden kann. Strafverfolgung allein reicht oft nicht aus. Und es liegt in der Natur der Sache, dass mir dadurch bei der Polizei in Fällen von Stalking viel zu oft die Hände gebunden waren. Mit SOS-Stalking verfolgen wir deshalb einen ganzheitlichen und interdisziplinären Ansatz, bei uns laufen alle Fäden zusammen. Das, was wir tun, nennen wir Fall- und Bedrohungsmanagement. So effektiv, wie wir heute mit SOS-Stalking helfen können, konnte ich früher bei der Polizei oft nicht eingreifen. Deshalb musste ich mich irgendwann entscheiden und so habe ich für SOS-Stalking die Polizeibehörde verlassen. Das war nicht ganz leicht, denn ich habe viele tolle Wegbegleiter dort getroffen. Heute weiß ich: sie sind ja immer noch da.

Wie könnt ihr mit SOS STALKING helfen? Wenn die Betroffenen sich bereits bei den ersten Anzeichen von Stalking bei uns melden, dann können wir bereits mit 1 – 3 intensiven Strategieberatungen die Weichen so stellen, dass das Stalking innerhalb kürzester Zeit eingedämmt werden kann. Unser Geheimnis ist, dass wir interdisziplinär arbeiten. Wir betrachten nicht nur einen kleinen Baustein des gesamten Falls, sondern ziehen alle Experten zu Rate, die in einem Fall nötig sind. Das können Psychologen, Juristen, Personenschützer, Detektive oder Polizisten sein. Auch müssen wir uns mit Zivilrecht, Strafverfahren, dem Gewaltschutzgesetz sowie Sorgerechtsfragen auseinandersetzen. Wir nennen es das Netzwerk der guten Seele.
Die Betroffenen leiden unermesslich, deshalb müssen sie zunächst emotional stabilisiert werden. Das Erleben von Stalking ist tatsächlich das gleiche, als wenn Du gerade bei einem Flugzeugabsturz dabei wärst. Zumindest haben dies amerikanische Studien bewiesen. Damit du mal eine Idee davon hast, wie hoch die Belastung ist. Jeder geht mit Leid unterschiedlich um und reagiert unter Druck anders. Deshalb arbeiten wir ausschließlich individuell.

Was bietet Ihr noch an? Wir haben eine Facebookgruppe zum Austausch gegründet: „Stalking – Stärke und Mut“. Es ist immer einfacher, wenn man weiß, dass man mit seiner Situation nicht allein ist. Webinare, Coaching, Fall- und Bedrohungsmanagement, Personenschutz, gerichtsverwertbare Dokumentation – wir bieten einiges an, was akut und langfristig helfen kann, solch schwierige Situationen in den Griff zu bekommen. Bisher haben wir für jeden eine Lösung gefunden.

Nun wird sich das nicht unbedingt jeder leisten können! Gibt es Unterstützung? Ja, da hast Du recht, nicht jeder kann sich das leisten. Doch wir sind uns dessen durchaus bewusst und längst in Überlegung, dafür Lösungen zu finden. Wir halten Euch auf dem Laufenden!

Autor: Anita Tusch

 

STALKING tritt statistisch bundesweit rund 20.000 Mal pro Jahr auf und Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer bis zu 600.000 Fällen in Deutschland aus. Stalking kann jeden treffen. Damit haben wir es mit einem gesellschaftlichen Phänomen zu tun, das nicht nur den Einzelnen betrifft, sondern uns alle als Mitglieder einer mündigen Gesellschaft in die Verantwortung nimmt. Politik, Helfersystem, Gerichte, Wirtschaftsunternehmen, das Gesundheitssystem und viele Betroffene und Angehörige können im Zusammenschluss viel erreichen. Amazon – Buchtipp: Stalking – „Es begann im Alltag“ von Sandra Cegla

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