zum Welt-Aids-Tag…Stimmen in der Stadt

Was ist Stimmen in der Stadt?
Das Audio-Projekt Stimmen in der Stadt findet vom 25. November bis zum 8. Dezember an öffentlich zugänglichen Orten im Zentrum Berlins statt. Die Stimmen, die zum Welt-Aids-Tag 2010 an 15 verschiedenen Orten in Berlin zu hören sind, dringen sonst nicht an die Öffentlichkeit. Sie erzählen Geschichten, die quer zu der uns vertraut gewordenen Wahrnehmung von HIV und Aids verlaufen. Manche berichten, wie sie sich kaum mehr selbständig aus ihren Wohnungen bewegen können und ihre sozialen Kontakte verloren gehen. Manche machen sich Gedanken über ihre schwindende Sexualität und die damit einhergehende Deklassierung ihres Selbstbildes. Manche stellen ihre Auflehnung gegen das Stigmatisiertsein in den Vordergrund oder erklären, warum sie sich trotzdem weiter am Leben erfreuen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass ihre Lebenssituation neben der Erfolgsgeschichte der antiretroviralen Kombinationstherapie kaum wahrgenommen wird.

Für die Hörstationen wurden 15 öffentlich zugängliche Orte im Zentrum Berlins ausgewählt, die einerseits stark frequentiert werden und andererseits den Zuhörenden genügend Intimität bieten. Die verschiedenen Interview-Stimmen reihen sich in jeweils fünfminütigen Sequenzen aneinander und sind in Endlosschleife aus den auf etwa vier Metern Höhe angebrachten Lautsprecherboxen zu hören. Eine dazu entwickelte Audiotechnik und Lautsprecherkonstruktion erlaubt es, jeweils einen eingeschränkten Radius von wenigen Quadratmetern zu beschallen. Von weiterer Entfernung ist der Ton nur vage wahrzunehmen. Die Installationen stellen es den Passanten völlig frei, ob und wie lange sie den Stimmen lauschen möchten. Die Stimmen sprechen zwei Wochen lang ohne Unterlass. Wer möchte, kann in einem ruhigen Moment zurückkehren, um nochmals genau zu hören, was sie erzählen. Die Stimmen sind präsent, Tag und Nacht. Zwei Wochen lang kann sie niemand daran hindern, der ganzen Stadt ihre Geschichten zu erzählen. Mit einfachen Mitteln der Beleuchtung und einem auf den Fußboden aufgetragenen oder an einer Wand angebrachten Hinweis auf die Aktion sind die einzelnen Beschallungsorte deutlich sichtbar hervorgehoben. Die Verwendung des Projektlogos erleichtert das Wiedererkennen und verleiht der Aktion eine optische Präsenz im Stadtraum.

Ergänzend zur akustischen Ausstellung im öffentlichen Raum bietet dies die Möglichkeit, den Stimmen in aller Ruhe und Intimität zuzuhören, Kritik oder Zustimmung zu äußern oder mit eigenen Erzählungen zu partizipieren.  Am Ende der Laufzeit von Stimmen in der Stadt werden alle Mitwirkenden, Unterstützer und Interessierten zu einer Finissage mit Musik und Getränken eingeladen. Für eine Dokumentation der gesamten Aktion konnte der für seine Reportagen mehrfach ausgezeichnete Fotograf Daniel Rosenthal gewonnen werden.
Warum Stimmen in der Stadt?
Ein Projekt im öffentlichen Raum zum Thema Aids und HIV: Braucht es das heute noch? Vor fünfzehn Jahren hätte niemand diese Frage gestellt. Damals zählte Aids zu den großen Bedrohungen der Menschheit und es wurde kaum darüber gestritten, ob, sondern nur wie man sich damit zu befassen habe. Wer mit einem »positiven« HIV-Testergebnis konfrontiert wurde, konnte sich einer Beschäftigung mit dem Tod nicht entziehen. Zu groß war die Wahrscheinlichkeit, dass es bald zu Ende gehen würde. Die Zeiten haben sich geändert. Seit 1996 haben die retroviralen Kombinationstherapien bei vielen infizierten Patienten enorme Erfolge erzielt. Die Lebenserwartung ist gestiegen, die Todesraten sind massiv zurückgegangen und das Krankheitsbild Aids hat sich weitgehend zurückgezogen. Unterdessen gibt es viele HIV-Infizierte, die seit Jahrzehnten mehr oder weniger gesund und beschwerdefrei leben. Der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker hat zur sprachlichen Kennzeichnung dieses Wandels den Begriff des »neuen Aids« in Umlauf gebracht. Das neue Aids zeichnet sich durch seine Unsichtbarkeit aus. Menschen, die
mit HIV leben, können heute genauso fit und gesund aussehen, hart arbeiten oder Partys feiern wie Nichtinfizierte. Es gibt keine physischen Kennzeichen dafür, dass jemand HIV-positiv ist. Und durch die Einnahme von Medikamenten kann in vielen Fällen die Aids-Erkrankung verhindert werden.

Mit dem Wandel des Krankheitsbilds geht selbstverständlich ein verändertes Verhalten der Betroffenen einher. Wieso sollte jemand, der seinen Lebensstil mehr oder weniger unverändert weiterführen kann, über seine HIV-Infektion sprechen? Zumal damit noch immer die alten Bilder geschwächter und sterbender Körper verbunden sind. Gesprochen wird darüber richtigerweise innerhalb von Beziehungen und korrekterweise vor dem Sex. Aber kaum in der Öffentlichkeit, nicht am Arbeitsplatz und wenig in den Medien. Für diejenigen, die gut mit ihrem HIV-Status zurechtkommen, ein sinnvoller Umgang.

Aber: Wenn von einem weitgehend unproblematischen Weiterleben mit dem HI-Virus die Rede ist, bleibt darin eben ein Rest ungelöster Probleme erhalten. Manche werden trotzdem krank, stecken sich zusätzlich mit Hepatitis C an, entdecken einen Tumor, halten der psychischen Belastung nicht stand, fühlen sich sozial isoliert, leiden unter Schuldgefühlen. Und manche sterben auch noch. Inmitten des neuen Aids wohnt so gut wie unbeachtet weiterhin das alte Aids. Wer davon heute betroffen ist, der hat es richtig schwer. Zu den auftretenden Beschwerden kommt ein neues Schweigegebot. Als es in den 80er- und 90er-Jahren an das große Sterben ging, entstand eine Patientenbewegung nie dagewesener Dimension. Kein gesellschaftlicher Bereich, weder Politik noch Kunst, Sport oder Bildung konnten sich der Konfrontation mit der Immunschwächekrankheit entziehen. An Aids zu erkranken und zu sterben war ein kultureller Topos jener Zeit. Nicht einer, den sich irgendjemand gewünscht hätte, aber eben einer, dem Aufmerksamkeit zukam. Dies gilt heute nicht mehr, und zwar auch für diejenigen nicht, denen es mit HIV richtig dreckig geht. Es mag eine Minderheit sein – wobei man über den Anteil der Depressiven und Suizidgefährdeten nur vage Kenntnisse hat. Doch das ist kein Grund, darüber zu schweigen. Der Verdacht, dass die Differenz zwischen denjenigen, die gut mit der Therapie zurechtkommen, und denjenigen, die daran scheitern, auch mit sozialen Unterschieden zu tun hat, ist kaum von der Hand zu weisen. Sowohl eine regelmäßige Medikamenteneinnahme als auch ein gesunder Lebensstil und die Möglichkeit zum offenen Gespräch haben einen Zusammenhang mit Wohlstand und einem stabilen sozialen Umfeld. Vor dem alten Aids waren alle gleich. Mit dem neuen Aids sind die sozialen Ungleichheiten zurückgekehrt.

Die sechs Menschen, die bei Stimmen in der Stadt zu hören sind, haben ganz unterschiedliche Geschichten. Ihnen ist gemeinsam, dass sie mit ihrer HIVInfektion schwer zu kämpfen hatten oder immer noch haben. Was sie erzählen, gehört genauso zur Realität von HIV in Zeiten des neuen Aids wie die vielen ermutigenden Geschichten derjenigen, bei denen die Therapie gut anschlägt. Sowohl den einen als auch den anderen gebührt Aufmerksamkeit. Keine Stimme soll schweigen.

Die Hörstimmen findet Ihr hier…

Wie wird Stimmen in der Stadt finanziert?
Die Basisfinanzierung des Projekts ist seit 18. März 2010 durch eine Förderzusage der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin gesichert. Zu den weiteren Förderpartnern gehören die Deutsche AIDS-Stiftung, die Deutsche AIDSHilfe und der lesbisch-schwule Förderkreis elledorado e. V. Die restlichen Kosten werden vor allem durch Spenden gedeckt. Der Träger AVK Sozialprojekte gemeinnützige GmbH kann für jede Spende eine vom Finanzamt anerkannte Spendenbescheinigung ausstellen.

Spendenkonto
GLS Gemeinschaftsbank eG
BLZ: 430 609 67
Kontoinhaber: AVK Sozialprojekte
Konto-Nr.: 1109 815 401
Verwendungszweck: Stimmen in der Stadt
Spenden zugunsten von Stimmen in der Stadt sind steuerlich absetzbar. Um eine Spendenbescheinigung auszustellen, wird ein Absender benötigt.


Wer macht Stimmen in der Stadt?

Stimmen in der Stadt ist ein Projekt der AVK Sozialprojekte gemeinnützigen GmbH. Die 2009 am Auguste-Viktoria-Klinikum Berlin gegründete gemeinnützige Gesellschaft hat sich zum Ziel gesetzt, medizinische, gesundheitsversorgende
und soziale Projekte im In- und Ausland zu fördern und auszubauen.

Stimmen in der Stadt ist ein Projekt der AVK Sozialprojekte gemeinnützige GmbH und wird in Kooperation mit der Berliner Aids-Hilfe realisiert. Zur finanziellen Trägerschaft des Projekts gehören die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin, die Deutsche AIDS-Stiftung und die Deutsche AIDS-Hilfe.


Mehr Infos findet Ihr unter: www.stimmeninderstadt.de

Hier einige  Hörstationen, alle Hörstationen könnt Ihr hier einsehen.

Hörstation Joachimstaler Straße, Ecke Kurfürstendamm (Foto: Jochen Hick/Stimmen in der Stadt)

Hörstation Joachimstaler Straße, Ecke Kurfürstendamm (Foto: Jochen Hick/Stimmen in der Stadt)

Hörstation Uhlandstraße, Ecke Kurfürstendamm (Foto: Jochen Hick/Stimmen in der Stadt)

Hörstation Uhlandstraße, Ecke Kurfürstendamm (Foto: Jochen Hick/Stimmen in der Stadt)

Hörstation Uhlandstraße, Ecke Kurfürstendamm (Foto: Jochen Hick/Stimmen in der Stadt)

Bodenbeklebung (Foto: Jochen Hick/Stimmen in der Stadt)

Projektleitung: Martin Kostezer, Christoph Weber

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