Verbindungslinien inmitten der Vielfalt

Wenn man Roman Kroke in seinem Atelier im Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße besucht, muss man auf dem Weg dorthin erst einmal an bunten Wänden und gewöhnungsbedürftigen Gerüchen vorbei.

Hat man das geschafft, trifft man auf einen sehr charmanten Zeitgenossen, mit dem man, einmal ins Gespräch vertieft, die Zeit vergessen kann. An den Wänden hängen Illustrationen seiner bisherigen Arbeiten: über historische Ereignisse, die Berliner Geschichte und die Shoah. Über Etty Hillesum, die Bielski Brüder, die Geschwister Scholl, „Chassez les Papillons Noir“ und „Berlin intim“. Manche schauen dem Betrachter traurig entgegen, andere mit hoffnungsvollem oder drohendem Blick. Hin und wieder kommen Besucher herein, bleiben fasziniert vor den Arbeiten stehen, stellen Fragen und gehen beeindruckt wieder. Die Liebe zur Kunst entdeckt Roman Kroke recht früh und sie wird zu seinem Wegbegleiter. „Das Zeichnen hatte schon in der Schulzeit einen besonderen Platz. Es war damals aber nur eine von vielen Passionen, die ich hatte. Politik, Wissenschaft, Fremdsprachen, das hat mich alles interessiert“, sagt Roman Kroke, der am Jadebusen aufgewachsen ist und heute in Kreuzberg lebt.

Das entfachte Interesse rückt vorerst zur Seite, als er nach dem Abitur ein Rechtswissenschaftsstudium beginnt. Parallel dazu entstehen seine ersten Bildergeschichten für Kinder. Trotzdem bleibt der Schwerpunkt zunächst auf dem juristischen Weg. Ab dem vierten Semester spezialisiert sich Kroke während eines Auslandsstudiums in Genf und dortigen Engagements bei der UNO im Bereich
des internationalen Menschenrechts, was für ihn zum „Schockerlebnis“ wird, wie er sagt. „Was ich dort erlebt habe, entsprach einfach nicht dem, was ich unter ‚Human Rights‘ verstand.“ Das Erlebnis bringt ihn weg vom „soft law“ der United Nations hin zur Arbeit auf dem „grass root level“ und damit nach Guatemala, wo seine Fotodokumentation eines Projektes gegen Kinderarbeit entsteht. Daneben ist er in einer Nichtregierungs-Organisation tätig und macht dort schließlich die Erfahrung, was „Human Rights“ für ihn bedeuten. Er findet zurück zur Geschichte und den Geschichten, zurück zu den Illustrationen und dem, was ihm am Herzen liegt. „Nach Dreiviertel des Studiums war klar, wohin die Reise geht. Aber das Studium wollte ich zu Ende bringen.“ Er macht sein Referendariat und tritt  danach eine Teilzeitstelle als Anwalt in einer renommierten Berliner Kanzlei an, „zur Finanzierung meiner künstlerischen Arbeit“, denn gleichzeitig setzt er seine Tätigkeit als Autor und Illustrator fort. Selbst das Angebot der Kanzlei, seine Doktor-Arbeit zum Thema Kunst zu schreiben, lehnt er ab. „Ich dachte mir, egal was der Rest sagt, aber das ist nicht mein Weg. Und letztendlich ist meine Arbeit zu dem geworden, was sie ist, weil ich mich für diesen Weg entschieden habe.“ Inzwischen arbeitet Roman Kroke als freischaffender Künstler, stellt Fragen wie ‘Was bedeutet Europa im Leben von Europäern?‘ und regt damit zum interdisziplinären, altersübergreifenden und internationalen Diskurs an. „Es geht um den Charme der Mannigfaltigkeit. Gleichzeitig aber auch um die Verbindungslinien inmitten dieser Vielfalt.“

Vervielfältigung bestimmt darum auch seine Werke. „Nicht die Einzigartigkeit ist ausschlaggebend, sondern die weite Verbreitung mit dem Ziel der Kommunikation und der Auseinandersetzung mit einem Thema. Der Kunstmarkt interessiert mich herzlich wenig.“ Für seine geschichtsbezogenen Arbeiten sind vor allem historische und literarische Quellen ein erster Ausgangspunkt. Kroke spricht mit Zeitzeugen, denn „am Anfang stehen immer persönliche Lebensgeschichten, Sprache und Worte“, forscht in Geschichtsdokumenten, wälzt Fotoarchive, seziert Details. Er vermischt Elemente von heute und damals, um eine Brücke ins Jetzt zu schlagen. „Ich bin kein Historiker, mich fasziniert, welche Bedeutung ein Phänomen im Heute haben kann. Habe ich dann ein Bild im Kopf, entstehen Ideen für eine Illustration.“ Der erste Schritt ist die Arbeit mit Bleistift und Kohle, Figuren werden kreiert, Schattierungen gezeichnet. Die Coloration erfolgt später am Computer. „Ich mag die Mischung. Aber die Rohheit etwa eines Striches kann man nicht am Computer imitieren, dazu braucht man zeichnerische Fähigkeiten. Für die Seele einer Illustration ist das Handwerk entscheidend.“
Weitere Informationen: www.roman-kroke.de

Autor: Mononna Ciccone, Fotos: Alina Rudya, Eric Balaire

 

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