Singlereport – einfach wegwischen!

singlereport 03-2014

Foto: depositphoto.de / nonmim

Erinnert ihr euch nach an euer erstes Date? Meins war in Griechenland auf Kreta, er hieß Costas, war ein paar Jahre älter und fragte meine Mutter ob er mit mir ausgehen darf. Es war ein Tag vor unser Abreise und das Date dauerte 3 Stunden, dann musste er mich wieder bei meinen Eltern abliefern und zwar ohne Knutschflecken.

Trotzdem war ich natürlich unsterblich verliebt, plante nach der Schule nach Kreta auszuwandern und heulte mir im Flugzeug die Augen aus. Tatsächlich schrieben wir uns danach lange Zeit hoffungsvoll Briefe und ich hörte solange griechische Volksmusik, bis die Kassette Bandsalat hatte. Sein Briefpapapier war rosa und in jedem Umschlag war eine getrocknete Rose für mich. Nein Männer, er war nicht schwul! (glaube ich zumindest). Mein Adonis rief außerdem wöchentlich auf der Festnetznummer meiner Eltern an und erkundigte sich auch Jahre später noch in fließendem Englisch bei meiner Mutter nach meinem Befinden.
Unzählige Dates, eine Ehe, 2 geplatzte Verlobungen und einige längere, glückliche und dramatisch unglückliche Beziehungen später – in einem neuen Zeitalter mit Mobilfunktelefonen, Billigflügen und zeitraubenden sozialen Netzwerken, bin ich wieder Single. Ich frage mich was passiert wäre, wenn Costas und ich unsere zarten Bande damals bei WhatsApp vertieft hätten – und ich sage euch: NICHTS! Er hätte längst eine andere Getindert (was ihr kennt Tinder nicht?) und anstatt rosa Liebesbriefen hätte ich ein paar Facebook-Nachrichten mit dem tiefsinnigen Inhalt „Hey Babe“ bekommen. Dann hätte ich meine Facebook-Pinnwand für ihn blockiert damit er nicht sehen kann, dass ich nun mit meinem neuen Kollegen am Kudamm griechisch Essen gehe.
Also nicht, dass ich jetzt irgendwie frustriert rüberkomme oder gar zynisch. Nur leider hat mich ebend dieses Date mit Costas total versaut für eine bodenständige Beziehung. Ich stehe immer noch auf Liebesbriefe. Aber sie dürfen nicht rosa sein. Ein bisschen Macho kann er auch sein, aber auf Händen tragen soll er mich trotzdem. Und er soll gefälligst wissen was er will, da ich das meistens nicht weiß. Bin ja schließlich eine Frau, ist ja beim Schuhe kaufen auch so. Warum ich nun schon 6 Monate Single bin, weiß ich auch nicht. Ein Hellseher (nach 4 Stunden anstehen in einer nur aus Frauen bestehenden Warteschlange in einem Einkaufszentrum) offenbarte mir für 15 Euro etwas, worauf ich NIE von selbst gekommen wäre: Du bist zu anspruchsvoll, schraube deine Erwartungshaltung runter. Runterschrauben?
Ich bin handwerklich nicht begabt. Na gut, ich versuche es und starte ein Experiment. Da ich sowieso der Meinung bin, Männer lesen bei Datingportalen die Texte nicht und schauen nur Bilder an, spare ich viel Zeit und melde mich bei der oberflächlichsten Dating App der Welt an. Tinder wurde vor anderthalb Jahren in Los Angeles gegründet und erfreut sich besonders im  englischsprachigem Raum und Norwegen immer größerer Beliebtheit. In Deutschland ist Berlin die Tinder-Hauptstadt, dicht gefolgt von Hamburg. Die App greift auf Facebook-Profile der Nutzer zu und zeigt Flirtbereite in der näheren Umgebung an. Mein erster Gedanke: Auf keinen Fall melde ich mich dort an, wenn das einer meiner Facebookfreunde sehen kann!! Der Schreck ist unbegründet, Tinder bleibt bei Facebook unsichtbar und meine Freunde erhalten auch keine nervigen Einladungen oder Nachrichten.

Auch Promis findet man hier, eins meiner Matches ist ein ehemaliger Moderator eines privaten TV-Musikkanals. Bei mir werden erst mal ganz viele Extrem-Sportler angezeigt und ich nehme mir vor, in Zukunft keine Ausreden mehr zu haben, wenn es um das morgendliche Joggen geht. Und wo war noch mal die Pilates DVD? Unter der Schachtel Toffifee vielleicht, ich sehe gleich mal nach. Männer mit muskelgestähltem Oberkörper beim Marathon, Mountain Climbing, Wandern, Surfen im Atlantik….vielleicht sind das ja alles Facebookfakes, denke ich schadenfroh und lasse mich nicht beeindrucken.
Mein erstes Date dann aber ist ein gutaussehender Portugiese der letzen Monat nach Berlin gezogen ist. Er kann nur gebrochen Deutsch, dafür besser Englisch schreiben. Er ist ein Gentleman, sehr höflich und aufmerksam. Wir haben richtig Spaß und lachen viel. Für mehr reicht es bei mir nicht. Er will ein 2. Treffen. Früher hätte ich mich vielleicht verknallt – aber vielleicht bin ich doch nicht oberflächlich genug für Zeichensprache. Ich bin wieder auf meiner App. Mysteriöse Fremde mit Profilfotos von tropischen Sandstränden, Eifeltürmen, stilvollen Nahaufnahmen von Currywürsten und deutschen Mischwäldern werden von mir weggewischt. Das ist was für 20-jährige, die noch Überraschungen mögen. Ich weiß bei einem Date gerne was mich erwartet und bin trotz mangelnder Bodenständigkeit mit einem gesunden Misstrauen gesegnet. Außerdem schrillen da sämtliche Alarmglocken: Keine persönlichen Fotos, gleich verheiratet. Ha, seht ihr Männer wir haben euch durchschaut! Aber ihr uns nicht, denn wir können uns so schminken und photoshoppen, dass wir so aussehen wie Giselle Bündchen auf dem Vogue-Cover.
Herdentiere werden ebenfalls weggewischt. Wenn ich auf jedem Bild mit seinen Kumpels überlegen muss, wo denn jetzt mein eventueller Matchpartner ist und mit der Lupe über das Foto gehen muss, macht sich ein ungutes Gefühl breit. Meistens sehen die anderen männlichen Herdentiere dann auch besser aus, was vielleicht der Grund für das Versteckspiel ist. Auch Fotos mit niedlichen Haustieren, auf denen das Gesicht des Tinder-Mannes nur in Ausschnitten zu sehen ist, werden weggewischt. Tja sorry, ich möchte nicht eure Katze und auch nicht euren Kanarienvogel daten. Profile mit zu vielen Spiegel-Selfies werden ebenfalls unter dem roten, kleinen Kreuzchen begraben. Und Männer was gar nicht geht, sind Fotos mit anderen Frauen, die womöglich noch GUT aussehen. Vielleicht sogar noch schlanker, schöner, sportlicher, sexier oder sonst irgendwas sind. Ihr wisst doch was mit Schneewittchen passiert ist. Aber Fotos mit Frauen die nett aber unscheinbar aussehen gehen auch nicht. Denn dann denken wir, dass ihr uns gematcht habt, weil wir wie eine graue Maus aussehen.

Mein zweites Date ist eigentlich auch ganz passabel, sportlich, geschieden, 2 Kinder und Anwalt für Wirtschaftsrecht. Bei ihm stand sogar Text im Profil: Beziehungstechnisch langfristig angelegt. Viele suchen bei Tinder nur Spaß, Sex, Abenteuer. Ein Frauentraum also. Aber nicht meiner, vielleicht bin ich zu romantisch für langfristig angelegt, das klingt so nach Sparvertrag, wo man nur Zinsen bekommt wenn man vorher nichts abhebt. Vielleicht stört mich aber auch, dass er lieber im Schnee Urlaub macht als in der Sonne und mich versucht vom Skifahren zu begeistern. Dafür müsste ich mich dann richtig verknallen, ich hasse Skifahren. Es wird trotzdem ein netter Abend. Es ist ebend schwierig mit einer Dating App bei der es nur um das Aussehen geht. Aber Spaß macht es trotzdem, denn was gibt es Schöneres als Männer zu studieren? Doch gibt es, mit Freundinnen auszugehen und ganz nebenbei einen
Mann kennenzulernen, der ein sehr herzliches Lächeln und schöne braune Augen hat. Online hätte ich ihn nicht gematcht. Er hat bei Facebook nur Bilder mit Sonnenbrille – wie ich später feststelle und die wische ich ja immer weg.

Autor: Aine von Oich :-)

Keine Antworten zu "Singlereport - einfach wegwischen!"

    Hinterlasse einen Kommentar

    Die Email-Adresse wird nicht veröffendlicht.