Sind wir alle oberflächlich?

Autor: Jessica Müller-Grüner

Alles fing mit einer Zigarette in einer Raucherlounge an. Mir saß eine Frau gegenüber und wir kamen ins Gespräch.

Sie erzählte mir, dass sie vor kurzem ihren 50.Hochzeitstag gefeiert hat. Ich war neugierig, 50 gemeinsame Jahre mit einem Partner! Wie haben sie das als Ehepaar zusammen geschafft? Sie sagte: Es waren sicherlich turbulente Zeiten mit vielen Höhen und etlichen Tiefen, doch es war immer ein Geben und Nehmen. Die jungen Leute heutzutage geben viel zu schnell ihre Beziehungen auf. Sie orientieren sich ohne Wenn und Aber wieder neu und sind oberflächlicher geworden.“ Ich kam ins Grübeln, hatte die alte Dame damit recht?

Ich befürchte ja! Zwischenmenschliche Beziehungen jeglicher Art sei es die Liebe oder Freundschaften werden in unserem Alltag in einem rasanten Tempo geschlossen und wieder aufgegeben. Ich habe einmal recherchiert. Jede 5. Ehescheidung in Amerika geht z.B. auf den Einfluss und die Nutzung des Phänomens Facebook zurück, so lautet jedenfalls eine Statistik. Immer mehr Menschen fi nden auf diese Weise heraus, dass sie in verschiedensten Formen hintergangen werden, im schlimmsten Fall mit einem Seitensprung. In Berlin ist jeder dritte ein Single. Auch in unserem Land gibt es verschiedene Plattformen, die zum Schreiben, Chatten, Freunde wiederfinden und Flirten einladen und fast jeder von uns hat auf diesen Plattformen einen Account. Schnell werden uns Freundschaftsanfragen von unseren Mitmenschen gesendet, die wir per Klick bestätigen und bei Nichtgefallen ebenso schnell wieder aus unserem Leben löschen können. Wir geben Kommentare ab, drücken „gefällt mir- Buttons“ , um uns am bunten Treiben der sozialen Netzwerke zu beteiligen.

Für die „Partnersuche“ müssen Singles heute nicht mehr das Haus verlassen, bequem von der Couch aus suchen wir unseren Mr./Mrs. Right , denn die Singleportale boomen. Schwups angemeldet schauen wir, was sich auf dem Männer-und Frauenmarkt so anbietet. Im Chat tauschen wir uns aus, lernen uns schnell kennen und flirten, schicken virtuelle Umarmungen, Küsse, ein Lächeln, ohne uns in die Augen zu schauen. Besteht hier nicht die Gefahr, schnell mal seinem Alltag zu entfliehen, in eine Fantasiewelt abzutauchen und seinem Wunschdenken nachzugehen?

In der realen Welt, sind wir da übrigens nicht so mutig. Ich denke, viele Nutzer von diesen Plattformen haben sich noch nicht oft persönlich mit all ihren virtuellen Freunden unterhalten. Und auch der Traumpartner aus dem Netz entwickelt sich nicht immer als der Mensch für das reale Leben. Auch ich bin eine Nutzerin dieser Netzwerke, es soll hier also nicht der Eindruck entstehen, dass Kommunikation auf diesem Wege als durchweg negativ von mir bewertet wird. Ich bin nur der Meinung, dass Worte wie Freund, Freundschaft und Liebe allzu schnell benutzt werden. Freundschaft und Liebe sind Begriffe, die durch persönliche, intensive Gespräche und gemeinsame Erlebnisse, gefühlte und erlebte Lebenszeit mit Höhen und Tiefen, einem Geben und Nehmen mit einem Menschen ausmachen.

In diesem Sinne wünsche ich allen etwas mehr Tiefsinnigkeit und die nötige Zeit um echte Freunde und
einen echten Partner/in kennen zu lernen.

Autor und Foto: Jessica Müller-Grüner

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