Sammelobjekt: Hautschmuck

Die Tätowierung ist eine Kunstform für sich. Obwohl sie von Generation zu Generation weitergetragen wird, ist sie doch vergänglich, denn jedes einzelne Kunstwerk vergeht, wenn sein Träger einmal nicht mehr ist.

Tätowierungen sind auch Zeugnis der Kultur einer Zivilisation, in den Motiven spiegeln sich Geschichten und Zeitumstände. Der Boom der letzten Jahre hat Tätowierungen zu einer wahren Hochkultur gemacht. Bauchnabelsonnen oder asiatische Schicksalszeichen im Nacken lösen zumeist Stirnrunzeln aus, echte Kunstwerke auf der Haut Bewunderung.  Hast Du schon eins? Dann hoffentlich nicht über dem Allerwertesten ins unvorteilhafte Hüftgold gestochen. Dort könnte das Tattoo später wie ein abgestorbener Baum aussehen, die depressiven Schamgefühle kommen
von ganz alleine.

Lächerlich ist auch, sich den Namen der Süßen in Latinoschnörkelschrift auf dem Unterarm oder dem Handgelenk verewigen zu lassen. Das macht neuerdings jeder Hansel. „Wir ermahnen die Leute immer, das hält nicht ein Leben lang, das sind alles Lebensabschnittsgefährten. Es gibt Sachen, die für mich wichtig wären. Der Name meines Kindes zum Beispiel, da habe ich eine Verbindung. Aber der Name der Freundin…”, sagt Alex Reimer, waschechter Berliner und Tätowierer aus Steglitz. In seinem Studio schauen ihm ein paar niedliche Echsen und Schlangen aus ihren Terrarien bei der Arbeit zu. „Heute lässt sich jeder tätowieren.

Das kann man nicht mehr auf den Fleischermeister oder Puffbesitzer reduzieren. Da kommen Anwälte und Ärzte.” Seit 20 Jahren arbeitet Alex Reimer als Tätowierer, die erste Tätowierung hatte er mit 14. Mit seinem „Tattoo Devil Berlin” betreibt er das älteste Tätowierstudio in Steglitz und gehört damit auch zu den 15 ältesten Studios in der Hauptstadt. „Die schießen heute aus dem Boden wie Dönerbuden. Mittlerweile gibt es 300 oder 400 Tätowierstudios in Berlin und dem Umland. Davon sind vielleicht 100, höchstens 150 anständig, zum Teil mit Hammerkünstlern. Der Rest ist nur, um Geld zu machen. Früher lag der Schwerpunkt auch noch mehr auf dem handwerklichen Aspekt, da haben wir die Nadeln selber gelötet. Heute kann man sie fertig eingeschweißt bestellen. Und es reicht auch längst nicht mehr, sich mit Schatten und Farben auszukennen. Inzwischen machen wir fotorealistische Sachen, die man sich so nicht vorstellen könnte. Dafür muss man mehr als ein optisches Verständnis haben. Man lernt immer dazu.”

Irgendwann bestellt sich Alex Reimer in den Staaten sein erstes Tätowierset und fängt an, seine „ehemals besten Freunde vollzumalen“. Als Autodidakt lernt er ohne Anleitung und seine Arbeiten werden immer besser. „Eigentlich bin ich Tierpfleger, bis 1987 habe ich im Zoologischen Garten gearbeitet. Aber ich wollte immer lernen, richtig zu tätowieren. Leider ist Tätowierer bis heute kein anerkannter Lehrberuf, obwohl wir für IHK und Berufsgenossenschaft zahlen.” Alex Reimer meldet sich immer wieder bei Frank Weber, dem Initiator der Tattoo-Convention. Solange, bis dieser ihn endlich in seine Fittiche nimmt und „ich sein Weberknecht wurde.” Ab da heißt es zeichnen, zeichnen, zeichnen. Das hat sich bis heute nicht verändert.

Seit 1992 ist Alex Reimer offiziell Tätowierer, macht seinen ersten Laden in Moabit auf. „Als Junge aus dem Süden der Stadt bin ich zu meinen alten Wurzeln zurückgekehrt und habe den Laden hier in Steglitz aufgemacht.” Kann man vom Tätowieren leben? Alex Reimer kann es und hat inzwischen ein zweites Studio in Mariendorf. „Wir sind nicht erst seit gestern da. Die Ladenketten lohnen sich nicht, das ist keine Konkurrenz. Man muss die Szene kennen.”

Autor u. Fotos: Mononna Ciccone

Tattoo Devil Berlin, Schildhornstraße 9, 12163 Berlin.
www.tattoo-devil.de

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