Sag doch mal: Happy Aging

Zuletzt trafen wir uns 2010 in seinen Räumen. Im Spätsommer dieses Jahres liefen wir uns auf der Trabrennbahn Mariendorf über den Weg. Die Begegnung war herzlich und offen, er erinnerte sich noch sehr gut an unser Magazin und lud uns spontan zu sich ein.

Oktober 2015. Als wir eintrafen, treffen wir gerade noch auf den Filmwissenschaftler und Ausstellungsmacher Wolfgang Theis, der die René Koch- Ausstellung im Schwulen Museum kuratiert. So erfahren wir, dass es eine Ausstellung, ja eher eine Hommage an den Make-up-Künstler René Koch zu seinem 70. Geburtstag gibt. Unter dem Titel „Die Kunst des schönen Scheins“ werden unter anderem Travestie- Fotos zu sehen sein, die bisher noch nie jemand gesehen hat.

So ganz nebenbei erfahren wir dadurch, dass René Koch im Grunde die erste Drag-Queen gewesen ist. Wir bekommen ein paar Fotos zu sehen. Klasse!

Nun sitzen wir zusammen und ich stelle fest, die Räume sind noch schöner und weiter ausgebaut worden. Das Lippenstift-Museum ist umfangreicher geworden, ausgesuchte tolle Kleider, ja Roben von Berühmtheiten sind mittlerweile ausgestellt. Tolle Bilder, die René Koch oder auch sein Lebensgefährte Dieter Stadler gemalt und gedruckt haben, zieren die Wände. Ich bekomme Kekse und Kaffee und fühle mich wohl.

Irgendwie kommen wir recht schnell auf das Thema – Altern. Er entgegnet „Ja, man muss tapfer sein im Alter sowie auch das Altern annehmen.“ Er spricht sehr würdevoll über das Thema, steht spontan auf, greift in ein Regal und zieht ein Buch hervor.

„Lies das mal, das wird dich anders altern lassen!“ und schenkt mir ein Buch von Hermann Hesse mit dem Titel „Mit der Reife wird man immer jünger“. Das klingt sehr zuversichtlich, denke ich und will nicht ganz uneigennützig wissen:

Welches Alter ist für dich am schwierigsten gewesen? „Ganz ehrlich, die 50 fand ich schlimm. Scheusslich, Du bist nicht mehr jung genug, aber auch nicht reif genug, um das Alter anzunehmen. Die 70 ist klasse, da weißt Du einfach, dass du alt bist. Meine Mutter ist 93 geworden und war bis zu ihrem Tod fidel und schick. (Das stimmt mich mit meinen fast 50 nachdenklich und ich komme zu dem Ergebnis, dann kann es ja nur besser werden). Ich stehe auf und bitte ihn, mit mir eine Zeitreise an seiner Fotowand zu nehmen. Im Flur sind die Wände gespickt, wie in einem Streifen mit den besten Klassikern der letzten Jahrzehnte. Es macht Spaß, sich die Fotos anzuschauen. Unglaublich, wen René Koch im Laufe seines Lebens alles getroffen hat. Und nicht nur das, natürlich auch schminken durfte. Die Liste ist ellenlang. Neben Joan Collins, Judy Foster, Judy Winter, sehe ich auch Romy Haag, Claudia Schiffer, Nadja Tiller, Shirley Bassey oder Brigitte Nielsen. Ich könnte ewig weiter aufzählen und er und ihr kennt sie alle! Eine sticht jedoch hervor und das ist Hildegard Knef.

Woran liegt das René, dass Du so viele Fotos mit Hildegard Knef hast? Hildegard ist eine ganz besondere Freundin von mir gewesen. Sie wäre übrigens in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden. René Koch erzählt uns, dass er in den 25 Jahren ihrer „Beauty-Liason“ – so nennt er liebevoll die gemeinsame Zeit mit ihr – viel mit Hildegard Knef gelacht hat. „Es war der Humor, der uns trotz einiger Meinungsverschiedenheiten immer zusammen gehalten hat. Ich vermisse sie bis heute.“ Das ist auch der Grund, warum er immer wieder „Knef-Areneknefwebbende“ organisiert. Hildegard Knef wäre am 28.12 in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden. „Das ist ein schöner Anlass um einmal wieder in ihren Briefen zu stöbern“, freut sich René Koch. So erfahren wir, dass er ab dem 05.12. – 30.1.2016 regelmäßig sonnabends ab 15 Uhr Lesungen gibt und aus ihrem Briefwechsel vorliest. Gerne natürlich auch die eine oder andere Anekdote ihrer 25jährigen Freundschaft preis gibt. Dazu gibt es Tee und Kaffee und wer mag auch ein Glas Prosecco. Es muss eine besondere Freundschaft gewesen sein, er zeigt mir ein paar Briefe und ich bleibe hängen an einem Satz, der mich einfängt. So schrieb Hildegard Knef einmal an ihn: „: Laß mich dir einmal sagen, dass Deine äußere Hilfe auch eine „innere“ war und ist.“

Ich bin gerührt und überlege, vielleicht auch einmal auf solch eine Vorlesung zu gehen.

René Koch fasziniert mich. Es gibt Menschen, die einfach nur alt werden und es gibt Menschen, die sind „Älteste“. Damit meine ich, dass sie dir weise Dinge mit auf den Weg geben können. Sie geben Dinge aus ihren Erfahrungen preis, schöpfen daraus und geben diese weiter. Man trifft heutzutage nicht oft „Älteste“. Vielleicht ist er genau deswegen bis heute noch gefragt und regelmäßig ausgebucht? Man hört ihm gerne zu. Es scheint, dass er gar keine Zeit für sich hat. Kommendes Wochenende findet einmal wieder ein Seminar für Blinde statt, gefilmt wird auch. Spiegel-TV und andere Sender haben sich angekündigt, erzählt er ganz angeregt.

René, wie hat das eigentlich alles angefangen? Wahrscheinlich schon mit meiner Mutter, sie war Schneiderin und Hutmacherin, war immer schick angezogen. Ich sah damals schon wie eine Käthe-Kruse Puppe aus und lacht.

Wie kam es zum Lippenstiftmuseum? Schuld daran, dass ich angefangen habe, war meine Zeit als Chef-Visagist bei Yves Saint Laurent. Ich sollte einen Lippenstift kreieren. Ich erzählte Hildegard Knef davon und sie erwiderte: „Mensch, René, ich hab schon Werbung für Lippenstifte gemacht, da warst Du noch klein“ und zeigte mir eine Werbeanzeige aus dem Jahre 1952 dem „Volks-Lippenstift“. Und so fing meine Sammelleidenschaft an, ich habe die verschiedensten Exponate aus allen Epochen, von Spieluhren bis hin zu mit Brillanten besetzte Lippenstifte. Sogar viele Stars, wie Zarah Leander oder Marika Rökk überließen mir ihre besten Lippenstifte.

Wie stehst Du zu Frauen? Mein Glück waren immer die Frauen. Meine Chefin in New York damals kam aus Pirmasens und protegierte mich. Wie sagt man so schön: Ich hatte ein Stein im Brett bei ihr. Frauen haben immer die größte Rolle meines Lebens gespielt, Männer haben mich immer nur Nerven gekostet..und lacht wieder. Er meint es nicht so ernst und schwärmt von seinem Lebensgefährten, der ein paar Räume weiter weg für uns gerade ein paar Bilder für unser Magazin heraussucht. Mit Dieter Stadler, Kunsthistoriker ist er nunmehr seit 34 Jahren zusammen. Dieter managt alles für ihn. „Ohne ihn würde ich hier in Arbeit versinken. Er übernimmt alle administrativen, organisatorischen Dinge und entlastet mich damit immens.

Was ist das Besondere am Schminken? Wenn Du geschminkt bist, darfst du mehr sagen. Hinter Schminke kann man sich auch gut verstecken. Ich finde, die Frauen sollten ruhig mal „ne Lippe riskieren“. Apropos Lippe …René Koch steht auf und schenkt mir ein weiteres Buch mit dem Titel: „ne Lippe riskieren“. Dieses hat er selbst geschrieben, da geht es um Lippenkultur, Lippenschminke und –pflege und warum die Farbe rot uns so verzaubert. Er verriet übrigens – rote Lippen machen eine schmale Taille… Ihr Frauen solltet Eure Schönheit und Mode mehr einsetzen, um Eure Ziele zu erreichen. Ihr solltet nicht Anti-Aging, sondern Happy-Aging sagen….(ich muss lächeln, schöner Ansatz von ihm)

Wie stehst Du zu Schönheits-OP´s? Ganz ehrlich, ich beschäftige mich gar nicht so sehr damit. Ich bin für Verfeinerung, aber gegen Veränderung. Ich finde, wir sollten die Falten viel mehr weglachen. Wir brauchen doch diese Lachfalten, die sehen doch niedlich aus. Ein Tipp an die Frauen, ihr müsst lernen, dass es auch bei Männern Frischkost gibt, umdenken. Und achtet nicht so sehr auf Euren Ruf, dann habt ihr keinen Spaß mehr.

Ruhst Du Dich auch mal aus? Ich brauche keine Ruhe, wenn ich mich ausruhe, spür ich meine Hüften ….Und auf einmal kommen wir auf das Thema sterben. „Weißt Du, ich will sterben so wie ich gelebt habe. Selbstbestimmt. Ich bin in der „Gesellschaft für humanes Sterben“. Ich möchte nicht künstlich am Leben gehalten werden. Meine Mutter ist 93 geworden, sie hat gesagt, ich werde demnächst sterben und sie starb. Und dann verrät er mir noch sein Geheimnis. Weißt Du, ich bete jeden Abend das Vaterunser und danke ihm für die Kraft die ich noch habe. Und ich vergesse niemals meiner Haut Danke zu sagen. Das vergessen die meisten Menschen, sag Danke, zu Deiner Haut.

Ich schaue in sein Gesicht und denke, Mensch, er sieht „um die Haut“ echt klasse aus. Vielleicht sollte ich das auch einmal ausprobieren. Danke, zu meiner Haut – habe ich noch nie gesagt – und Du?

Vielen Dank, René Koch für die vielen kleinen Lebensweisheiten und die Zeit, die Du dir genommen hast!
www.rene-koch-berlin.de/

                                                Lesetipps:
• ´ne Lippe riskieren – von Starvisagist René Koch (BuchVerlag für die Frau)
• Hermann Hesse „Mit der Reife wird man immer jünger.
• Ab Februar 2016: René Koch Biografie (Verlag: B & S Siebenhaar Verlag)
Veranstaltung:
• Jeden sonnabend: 05.12. – 30.01.2016 René Koch liest aus Briefen und erzählt Anekdoten aus der 25jährigen Beauty-Liason mit Hildegard Knef.
• Die Kunst des schönen Scheins – Ausstellung vom 16. 12. 2015 – 18.4. 2016 im Schwulen Museum, Lützowstraße 73, 10785 Berlin

Foto: Dummer

 

Keine Antworten zu "Sag doch mal: Happy Aging"

    Hinterlasse einen Kommentar

    Die Email-Adresse wird nicht veröffendlicht.