Murat Topal: Manchmal ist es nötig, den Kids einen Spiegel vorzuhalten

Zum verabredeten Interview Ende Juli kommt Murat Topal 20 Minuten zu spät und als ich schon kurz davor bin, zu gehen – angesichts der offenen Frage, ob das Gespräch noch stattfinden wird.

Es ist mein erstes Interview mit ihm. Sein Charme haut mich um und macht alles wieder gut. Wir gehen ins Bistro „Knofi“ in der Kreuzberger Bergmannstraße. Im Radio singt Tarkan „Kuzu Kuzu“, wir sitzen draußen in der Sonne und es gibt Tee. Der Vormittag ist jetzt wie eine orientalische Brise am Mittelmeer. Dort trifft man sich auch gerne und tauscht erst mal Neuigkeiten aus:

Mononna: Wie hat der Tag heute für Sie angefangen?

Murat Topal: So wie immer, wenn ich nicht arbeiten muss. Ich werde von den Kindern sanft geweckt und dann geht der Trubel los. Die Beiden sind zwei und vier Jahre alt und hier und da muss ich schon mal schlichten und Grenzen setzen.
Zwei und vier Jahre? In der Pressemitteilung steht „frisch gebackener Vater“. Aktuell ist da kein frisches, das letzte Kind ist tatsächlich zwei Jahre her. Das muss in dem Text wohl mal geändert werden.

Wenn ich die Verbindung von Polizist und Comedian höre, fällt mir als erstes Louis de Funès in seiner Rolle Ludovic Cruchot ein. Wie spaßig geht es bei der Polizei zu?

Was man daraus macht, hat Humorpotenzial, wenn man dafür empfänglich ist. In Neukölln und Kreuzberg gibt es viele tragische Situationen, aber auch viel Kurioses. Verschiedene Typen und ihre Art, und Menschen in ihrer ganzen Bandbreite. Eine klassische Geschichte stammt aus meinen Anfängen bei der Polizei. Bei einem Wohnungsbrand musste die Feuerwehr auch in die darüberliegende Wohnung und hat bei der Gelegenheit gleich noch eine Hanfplantage entdeckt. Die Situation ist doch komisch, wenn man sich vorstellt, wie der, dem die Wohnung gehört, nichtsahnend nach Hause kommt und denkt, alles ist in Ordnung und dann passt der Schlüssel nicht. Wir haben damals Wetten abgeschlossen, was das für ein Typ sein könnte. Die meisten tippten auf einen mit Rastas, und dann kam ein ganz normaler Studententyp. Oder ein Ehepaar, das in seiner Wohnung immer mit einem Kumpel gesoffen hat. Irgendwann kam es zur Schlägerei und keiner von beiden wusste, wessen Kumpel das überhaupt ist…

Was hat Sie veranlasst, Polizist zu werden?

Murat Topal im Interview mit Mononna Ciccone

Ich bin da reingeschlittert. In der Schulzeit, über Freunde, deren Eltern bei der Polizei waren. Ich machte mir damals Gedanken über meine Berufswahl und sie sagten mir ‚Murat, du bist doch immer so hilfsbereit und nicht ganz unsportlich, probier’s doch mal bei der Polizei.Den Einstellungstest habe ich auch bestanden und bin so bei der Polizei gelandet. Im Laufe der Zeit ist ein Idealismus für diesen Beruf entstanden.
Womit ging es in den Beruf des Comedian über?

2003 gab es einen Schlüsselmoment, bei der großen Weihnachtsfeier der Hundertschaft. Ich habe die Moderation übernommen und im Anschluss haben mir viele ein komödiantisches Talent nachgesagt. Als Konsument habe ich so was schon immer gerne gesehen und Szenen nachgespielt. Als ich mit Kollegen in einem Club in der Türkei war, habe ich den Animateuren unter die Arme gegriffen. Danach hat mir der Besitzer einen Vertrag angeboten. Ich habe mich damals schon eine ganze Weile damit beschäftigt und schließlich einen Comedy-Workshop besucht und dort von der „Scheinbar“ erfahren, einer offenen Bühne, die ich bis dato noch nicht kannte. Dort war ich das erste Mal 2004 mit einem Freund, der mich auf die Bühne geschubst hat. Ich erzählte eine Geschichte und die Leute haben gelacht. Und beim zweiten Auftritt haben sie noch immer gelacht. Irgendwann bin ich beim „Quatsch Comedy Club“ aufgetreten, der damals noch „Edith‘s Talentschmiede“ war. Nach und nach habe ich die Gunst der Leute gewonnen und wurde schließlich zu einem Live-Comedy-Wettbewerb zu PRO 7 eingeladen, wo ich der Zweite wurde. Ab da habe ich an meinem eigenen abendfüllenden Programm gearbeitet, die Premiere fand 2005 in der ufaFabrik statt, die mich gleich für vier Wochen gebucht hat. Ich dachte nur ‚Leute, seid ihr wahnsinnig, mich kennt keine Sau.‘. Wider Erwarten war die Hütte voll und die Spielzeit wurde noch einmal um zwei Wochen verlängert. Mit der Premiere habe ich unbezahlten Urlaub vom Polizeidienst beantragt, zunächst für ein Jahr. Als ich auf Tournee ging, für ein weiteres und als 2007 eine Verlängerung nicht mehr möglich war, habe ich mir meine Entlassungsurkunde geben lassen. Damals war ich schon Beamter auf Lebenszeit und mein Chef und ich saßen da bei Tee und Gebäck, das war schon eine komische Situation.

Könnten Sie in den Polizeidienst zurückkehren?

Ich kann einen Antrag auf Wiedereinstellung stellen. Wichtiger aber ist mir, meine Karriere als Künstler auszubauen, auch mehr ins Schauspiel zu gehen. Ich bin da sehr vielseitig interessiert und habe auch eine Ausbildung als Action-Darsteller. In dem Achtteiler „Spezialeinsatz“, der auf Sat.1 Comedy lief, habe ich das schon gut umsetzen können und Action mit Comedy verknüpft. Es geht um einen Polizisten, der im Auftrag seines Chefs, dargestellt von Rolf Becker, bekloppte Spezialaufträge erfüllen muss und deshalb immer wieder im Klinsch mit seiner Frau liegt. Die weiteren Rollen waren unter anderem mit Mike Krüger, Dirk Bach, Rolf Zacher und Götz Otto besetzt.
Steht das Programm von Anfang an oder wächst es mit jeder Show?

Bei der Premiere steht das Programm. Im Laufe der Spielzeit kann es modifiziert werden. Je nachdem, was besser ankommt. Dann baue ich Szenen aus, nehme sie raus oder bündele sie. Und alles ist immer mit realem Bezug. Wenn ich an einem neuen Stück arbeite, biete ich es zuerst im Freundeskreis an und teste so den Unterhaltungswert, ob es bühnentauglich ist. So knüpft sich Geschichte an Geschichte. Manchmal sind die Leute irritiert und fragen ‚Stimmt das wirklich, warst du Polizist?‘, viele sind überrascht, wie viel wahren Ursprungs ist. Das aktuelle Programm „MultiTool – Der Mann für alle Fälle“ erzählt von meinen Erlebnissen beim Hausbau und Heimwerkeln.
Sie sind noch immer in der Jugendarbeit engagiert. Nehmen Jugendliche von Ihnen als prominenter Person eher Ratschläge an, als von den Eltern?

Ich denke, das ist eine Kombination aus allem. Der eine oder andere hat mich schon mal im Internet oder TV gesehen und hört hin. Ich habe jetzt aber nicht die wahnsinnige Medienpräsenz wie andere Kollegen. In den Problemvierteln kann ich sehr authentisch sein, ich komme ja aus der Ecke, habe einen ähnlichen biografischen Hintergrund. Mit meinen Geschichten kann ich klar machen, dass man nicht unbedingt mit dem Gesetz in Konflikt kommen muss. Mit „Stop Tokat“ arbeiten wir in der Gewaltprävention und erklären den Kids, dass zum Beispiel das so genannte Abziehen ein Verbrechenstatbestand ist. Eins auf die Nase geben oder jemandem das Handy klauen und ‚Pech gehabt, du Opfer‘ denken ist nicht hinnehmbar und das machen wir in Gesprächen, bei denen die Polizei dabei ist, deutlich. Manchmal ist es nötig, den Kids einen Spiegel vorzuhalten, so zu sprechen wie sie. Dann denken sie ‚Macht der sich lustig?‘. Die Sprache wird natürlich ins Programm eingebaut. (lacht)

Vielen Dank, das war ein sehr schönes Gespräch!

Das Interview führte: Mononna Ciccone

 

 

 

BIOGRAFIE
Murat Topal, 1975 in Berlin geboren und in Neukölln aufgewachsen, hat zehn Jahre lang als Polizist in Kreuzberg gearbeitet, bevor er sich ganz dem Dasein als Comedy-Künstler verschrieben hat. Seit 2004 ist er mit verschiedenen Live-Programmen erfolgreich auf Tournee und absolviert jährlich etwa 150 Auftritte. Daneben tritt er regelmäßig in Fernsehsendungen auf. Als Synchronsprecher debütierte er 2011 in der britischen Komödie „Four Lions“ als Terrorist Hassan. Zusammen mit seinen ehemaligen Kollegen von der Kreuzberger Polizei engagiert er sich gegen Gewalt an Schulen mit dem prämierten Projekt „Stop Tokat“ und mit „School Talks“ und ist Botschafter des Kinderhilfsprojektes „Notinsel“ sowie jährlich Juror und Laudator für den Preis „Berliner Tulpe für deutsch-türkischen Gemeinsinn“. Murat Topal ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er lebt heute in Britz.
Interview und Text: Mononna Ciccone

 

 

VERLOSUNG:

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Foto: Mononna Ciccone

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