Martina Chill – Ich war deutschlandmüde

Über Facebook fand Martina Chill unsere CLIQUE-Fanseite. Bei uns hat sie das Gefühl, dem Süden Berlins immer etwas nahe zu sein, denn sie wohnt verdammt weit weg! In Kapstadt! Wir haben nachgefragt, wie es dazu kam:

..und bekamen Post aus Südafrika:

Mein Name ist Martina Chill aber meine Freunde kennen mich nur unter dem Namen Chilly. Ich bin in Südende aufgewachsen. Mit zunehmendem Alter, ich bin in diesem Jahr 50 Jahre geworden, erinnert man sich immer mehr und gerne, an die guten alten Zeiten. Komisch, ich höre mich an wie meine Mutter oder Großmutter.Südende, mit dem PaReSü, dem Schwesternhochhaus, der Musikschule in der Grabertstrasse, dem Insulaner und dem Freibad. Die Post am Steglitzer Damm, schon immer Krasselts und Eis Hennig. Dann auch der Gyros-Imbiss auf der Ecke am Hochhaus (dem weißen Riesen?) und dem Stadtpark. „Mein Südende“ zieht sich vom (ehemaligem) Abenteuerspielplatz Ecke Bergstrasse, über das Planetarium, Freibad, Unterführung Priesterweg, Sembritzkistrasse, bis zum Schwesternhochhaus, kleiner Teich am PaReSü und den Steglitzer Damm wieder runter bis zur Albrechtstrasse, Wasserturm und am Friedhof vorbei. Das ist das Karree, was ich in meiner Jugend entdeckt habe.

2007 bin ich dann deutschlandmüde nach Kapstadt ausgewandert. Auswanderungsgedanken habe ich schon sehr lange mit mir herumgetragen, und es brauchte eben nur noch den richtigen Tritt. Also bin ich auf den Zug „neue Beziehung“ aufgesprungen und habe meinen damaligen Freund nach Kapstadt begleitet. Die Vorbereitungen dazu liefen immer glatt. Es ging sehr einfach und ist gar nicht so ein großer Schritt, wie man sich das im Vorfeld so vorstellt. Richtig geplant, in der Abfolge, lief es fast wie von selbst und alles in allem vom Entschluss bis zum Flug in 4 Monaten. Mein Freund hatte Beziehungen zu Firmen, die Deutschen Arbeitsplätze mit Arbeitserlaubnis vermitteln konnten. Auch wenn es zuerst ein Job als CallCenter Agent war, bedeutete dies doch ein gesichertes Überleben dort.

Anscheinend habe ich mich ganz gut gemacht, im Service einiger bedeutender Zeitschriftenverlage. Schnell konnte ich in die Qualitätsabteilung wechseln und bin dann auch sehr schnell Teamleiterin geworden. Das Gehalt stimmte, nur leider dann die Beziehung irgendwann nicht mehr wirklich. Uns war von Anfang an

Jonker Valley im Februar 2012

klar, im „worst case“ muss jeder alleine sehen, wie er weiterkommt. Auch, dass es schief gehen kann, wenn man sich erst relativ kurz kennt. So kam es dann auch. Sehr schnell haben wir festgestellt, dass wir gar nicht zusammen passen und erst recht nicht zusammen leben können. Hinterher ist man immer schlauer. Also Zähne zusammen beißen und sehen wie es alleine weitergeht. Das übliche Spiel, einer zieht aus, in dem Fall ich. Wohnung ge-sucht. Job war gut und sicher, daher musste ich mir keine Gedanken machen, dass ich wieder zurück nach Deutsch-land muss. Leider musste mein Arbeitgeber dann im Mai 2009 Insolvenz anmelden und mit einem Schlag haben 80 Arbeitnehmer ihre Jobs verloren. Ein Drama. Viele meiner Kollegen mussten nach Deutschland zurückgehen, teils wirklich mit dem letzten Pfennig in der Tasche. Ich hatte da mehr Glück. Als  Steinbock, immer auf Sicherheit bedacht – hatte ich einen Teil meines Gehalts für schlechte Zeiten gespart. So konnte ich mich 2 Monate ohne Arbeit über Wasser halten. Nicht auszudenken, wenn ich hätte nach Deutschland zurückgehen müssen.

Es gibt hier immer Optionen, wo man als Deutscher arbeiten kann. Call-Center, und auch die Filmindustrie ist hier, wegen des guten Lichts und der wunderschönen Landschaft, stark vertreten. Allerdings braucht es immer eine Berechtigung, warum ein weißer Deutscher und kein schwarzer Südafrikaner (Black Empowerment) eingestellt wird. Ein wichtiger Grund ist, dass man in diversen Jobs die deutsche Sprache benötigt, wegen des Kontakts mit Kunden nach Deutschland, und so hat man gute Karten. Im August 2009 hatte ich Glück und konnte ein Training bei einer Schweizer Airline im ServiceCenter anfangen. Zuerst war ich sehr glücklich darüber, dass ich wieder einen Job hatte. Leider machte mir der Job so gar keinen Spaß und ich wurde sehr unglücklich darüber.
Verzweifelt habe ich weitergesucht, und glücklicherweise konnte ich dann auch gleich wieder als Teamleiterin in einem anderen CallCenter anfangen. Parallel dazu bekam ich die Anfrage, ob ich für 6 Monate ein Schülerteam in einem Internat übernehmen und betreuen kann. Da der Job befristet war und mit erheblichen Umständen verbunden, musste ich absagen. Mit meinem Sicherheitsbewusstsein wollte ich aber dieses hin und her nicht. Als Langzeitjob, mit Arbeitserlaubnis und Wohnung im Internat, kein Thema. Temporär nicht. So hatte ich dann auch 3 Monate Zeit, mir das Für und Wider zu überlegen, wenn man mir den Job unbefristet anbietet. Eine Herausforderung. Im Oktober 2009 ereilte mich dann der Ruf der deutschen Schule in Kapstadt (DSK), man bot mir den Job tatsächlich fest an! Kann man sich einen sicheren Job vorstellen als an einer Schule, die seit 1883 besteht? Es gibt ca. 700 Schüler, rund 60-65 Lehrer auf einem riesigen, wunderschönen Gelände in Kapstadt. Wenn man auf dem Tafelberg steht kann man uns sehen und wir wachsen
weiter. So auch mit mir

. „Ich habe mich der Herausforderung gestellt und bereue es seitdem keinen Tag.“

„meine“ Kids

Endlich weiß ich, was mich hierher gebracht hat. Die Berufung. Meine Kids sind 15-18 Jahre. 13 an der Zahl und ich gehe mit ihnen den Weg, in ein eigenes Leben. Ich helfe ihnen verantwortungsvolle und respektvolle, junge Menschen zu werden. Es ist nicht immer leicht, aber graue Haare hab ich noch keine bekommen. Wir leben gemeinsam am schönsten Platz der Erde. Es dauert nicht lange, da ergreift auch die Teenies die „südafrikanische Gelassenheit“. Alles ist ein bisschen reläxter, aber nicht weniger strenger. Die deutsche Hektik ist weg, man ist freundlicher zu einander. Der Druck ist hier nicht so groß wie in Deutschland. Und wenn meine kleinen Mäuse dann wieder zurück nach Deutschland gehen (müssen), gibt es auch mal Tränen – auf beiden Seiten.

Es grüßt Euch aus Kapstadt
Martina Chill

Wer sich informieren möchte, schaut auf unsere
Seiten im Web:
http://www.dsk.co.za/internat_d.html

 

1 Antwort zu "Martina Chill - Ich war deutschlandmüde"

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    Reinhold 10. Junii 2014 (23:01)

    Wo steckst du, melde dich bitte mal bei mir,

    grüsse

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