Magische Orte – Was wäre unsere Stadt ohne Visionäre?

Magische Orte sind Plätze, an denen man das Besondere spürt, so wie an historischen oder vielleicht sogar leerstehenden Gebäuden, wie der „Alten Mälzerei“ in Lichtenrade. Die Mälzerei Lichtenrade ist ein Industriegebäude aus dem Jahr 1898 im Berliner Ortsteil Lichtenrade. Sie diente ursprünglich zur Herstellung von Malz zum Bierbrauen nach einem damals modernen Verfahren. Sie steht seit 1984 unter Denkmalschutz und seit ungefähr 90 Jahren leer. 

In Lichtenrade soll rund um die „Alte Mälzerei“ in der Steinstrasse, ein Stadtquartier entstehen. Betroffen sind auch die „Wohnscheibe“ sowie das „Landhaus Buhr“. Wir treffen uns mit Thomas Bestgen, Geschäftsführer der UTB, Privatinvestor, Visionär und wahrscheinlich „der Robin Hood“ im Wohnungsmarkt sowie seine Mitarbeiterin Karin Dancke. Unser Thema: die „Alte Mälzerei“ in Lichtenrade und alles um diese Immobilie herum.

Foto: Sebastian Rüttau

Foto: Sebastian Rüttau / Alte Mälzerei Lichtenrade

 

WIE ES DAZU KAM!

Was wäre unsere Stadt ohne echte Visionäre? Berlin ist nicht immer im Fortschritt was neue Bauweisen oder auch zukünftiges Wohnen und Leben angeht. Doch die Nachfrage nach zukunftsfähigen, alternativen und effizienten Wohn-Konzepten ist durchaus präsent. Dennoch, geht es doch „gefühlt“ meist nur darum, das Optimum an Geld herauszuholen, oder? Doch wer genauer hinschaut, kann immer wieder besondere städtische Projekte entdecken. Da ich in Lichtenrade wohne, interessiert mich natürlich alles, was hier so passiert. Auf diesem Wege wurde ich auf eine Veranstaltung im Ulrich-von-Hutten-Gymnasium aufmerksam. Die „Alte Mälzerei“ wurde schon vor 1,5 Jahren von einem Privatinvestor gekauft. Nun möchte sich der neue Eigentümer den Lichtenradern vorstellen. Es ist eine Informationsveranstaltung und soll Auskunft geben zu den Entwicklungen in und um die „Alte Mälzerei“.

ERSTER EINDRUCK!

Es war außergewöhnlich und anders als ich es mir vorstellte. Irgendwie erwartete ich Tumulte, nervöse oder gar unzufriedene Bürger, die sich Luft machen wollten, falls etwas nicht gefallen würde. Die Lichtenrader sind ja für ihren unermüdlichen Einsatz im Bezirk bekannt. Erst Ende Juni 2017 mussten sie die erfolglose Klage gegen den Ausbau der Dresdner Bahn verkraften.
Doch das Team von Thomas Bestgen, sowie er selbst, überraschten mit viel Offenheit und Feingefühl für die Menschen vor Ort. Wir erhielten ausführlich und detailliert Informationen über Visionen und Zukunftsideen für die „Alte Mälzerei“ und das umliegende Gelände. Doch der Auslöser hier einmal genauer hinzuschauen, war für mich die Aussage des Eigentümers, Thomas Bestgen, dass er die Mälzerei privat gekauft hätte und nicht unter „Verwertungsdruck“ stehen würde. Sein Anliegen wäre es, die Immobilie unter Einbeziehung der Nachbarschaft, sowie Akteure aus dem Bezirk mit Leben zu befüllen. Schwer zu ermessen, doch ich glaube, das hatte alle Anwesenden beeindruckt und „wir“ fühlten uns „mit ins Boot“ genommen.

Mein Interesse war geweckt und ich nahm mir vor, direkt mit dem Eigentümer zu sprechen, um herauszufinden, ob das nur Phrasen sind oder ernst gemeint war.
ERSTES AUFEINANDERTREFFEN!

Die UTB Projektmanagement GmbH wurde 1996 von Thomas Bestgen gegründet und ist Impulsgeber für nachhaltige Stadt- und Quartiersentwicklung für Berlin und andere deutsche Städte. Die Kernkompetenzen liegen in der Projektentwicklung und-steuerung. Seither realisiert die UTB Wohn- und Hausprojekte unter aktiver Beteiligung von Bürgern.

WIR SIND VOR ORT EINGELADEN!

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Karin Dancke führte durch die Mälzerei

Sein Terminkalender ist voll, doch Thomas Bestgen und Karin Dancke nahmen sich geduldig Zeit. Es war ein sehr angenehmes Gespräch und sie freuten sich, dass wir über das anstehende Stadtquartier schreiben möchten. So erfuhr ich, dass sie gerade noch „am runden Tisch“ mit vielen Akteuren rund um das Stadtquartier gesessen haben. Gemeinsam planen ist offensichtlich ernst gemeint. Wir vereinbaren als erstes eine Begehung der Alten Mälzerei, die zeitnah umgesetzt wurde. Für ein ausführliches Gespräch vereinbaren wir einen zweiten Termin. Ich freu mich drauf!

EIN BLICK IN DIE „ALTE MÄLZEREI“

Mit viel Liebe zum Detail führte mich die Immobilienfachwirtin Karin Dancke durch verschiedenste Bereiche der Alten Mälzerei. Alles was mit dieser Immobilie im Zusammenhang stand, wusste sie zu erklären. Karin Dancke hat so real die Abläufe erklärt, dass ich fast glaubte, die Arbeiten dieser alten Mälzerei wurden erst gestern abgeschlossen. Zu bestaunen waren im Gebäude ein alter Darrentrakt, Lagerböden, eine Keimanlage sowie die ehemaligen Standorte. Der Fertigungsprozess des Mälzens war für die damalige Zeit modern und leitete die industrielle Herstellung von Bier in großer Menge ein. Die Hauptverfahren waren Weichen, Keimen und Darren (Trocknen unter Hitze). Beliefert wurde die Mälzerei per Eisenbahn über einen Industrieanschluss vom Bahnhof Lichtenrade aus. Der Abtransport zu den Brauhäusern erfolgte mit Pferdefuhrwerken. Pro Tag erreichten 28 Güterwagen mit Braugerste die Mälzerei, jährlich produzierte sie 60.000 Zentner Malz.

Dieses alte Industriedenkmal hat absoluten Charme. Es ist ein wenig so, als würde es einen umarmen wollen. Große loftartige Räume, gut erhaltene Holzbalken, alte Techniken sind erkennbar. Auch sie verraten, was einst von Statten gegangen sein muss. Sehr beeindruckend auch die oberen Etagen. Alte Dachböden haben immer etwas Geheimnisnisvolles. Der süßliche Geruch des Holzes versetzt einen sofort in eine Art Gemütlichkeitszustand auf der Suche nach Abenteuern. So passt es auch, dass das Jugend Museum Berlin im oberen Bereich wahrscheinlich seinen Platz erhalten wird. In einem späterem Gespräch mit Ellen Rotters, Leiterin des Jugend Museums, erzählte sie, dass ein Experimentarium geplant ist. Auf dem weitläufigen Dachboden der alten Mälzerei könnte ein vielgestaltiger Lern- und Erfahrungsraum entstehen, der vor allem junge Menschen in die Lage versetzt, an ausgewählten Beispielen alte Produktionsformen und Lebensweisen verstehen zu lernen und sie in Beziehung zu heutigen Formen des Alltagslebens zu setzen.

hier könnte das Jugendmuseum seinen Platz bekommen

Thematische Schwerpunkte werden dabei Ernährung, Gesundheit, Umwelt, Fortschritt, Technik sein. Auch Ellen Rotters kommt ins Schwärmen und spricht über den Charme der Vergangenheit, wenn sie über die „Alte Mälzerei“ spricht. „Vielleicht knüpft es an Erfahrungen und Wünsche an, die wir noch aus der Kindheit erinnern: ein vergessener Koffer im Keller, ein verschlossener Schrank in Großmutters Stube oder eben ein verstaubter Dachboden. Kinder lieben Situationen, die ihnen vermitteln: Hier ist noch nicht alles aufbereitet, hier gibt es noch was zu stöbern, hier kann ich noch was entdecken. Die Gestaltung des Experimentariums wird sich daher an dieser Erwartungshaltung orientieren.“

Das ist eine schöne Idee und passt perfekt hier rein. Aber auch alles andere, was jetzt in der Planungsschlaufe steht, bestätigt die Worte von Thomas Bestgen. „Hier geht es nicht um optimalen Ausreiz einer gewinnbringenden Finanzplanung sondern optimale Nutzung mit Nachhaltigkeit.“ erwähnte er in unserem Gespräch. Wenn ich das richtig verstehe, so soll sich der Wohlfühlfaktor für Lichtenrade in und um die Alte Mälzerei wie ein warmer Schal wickeln. Ein Stadtplatz soll entstehen, wo man sich gerne aufhält.

Geplant ist, im unteren Bereich eine Stadtbibliothek mit angegliedertem Café unterzubringen. Das Café soll jedoch unabhängig der Öffnungszeiten der Bibliothek bleiben, um es als Verweilort nutzen zu können. Eine Musik- bzw. Volkshochschule ist im Gespräch, sowie Entspannungsbereiche z.B. für Yogakurse oder ähnlichem. Auch sind Ideen einer Laborküche während der Sitzungen „am runden Tisch“ entstanden. Eine Lernstation für Ernährung, vielleicht? „Wenn wir mit den Akteuren an einem Tisch sitzen, entwickeln sich ganz hervorragende Ideen und Symbiosen“, erzählt Karin Dancke begeistert während der Begehung.

Die alte Mälzerei ist das Herzstück dieser Immobilie. Die „Wohnscheibe“ nebenan gehört auch zum Gesamtprojekt und wird saniert werden. Seit 2012 steht das Landhaus Buhr unter Denkmalschutz und rottet vor sich hin. Es wurde 1894 erbaut und diente früher als Probierstube der Mälzerei. Zudem werden neue Wohnmöglichkeiten und Plätze zum Verweilen entstehen.

Zum Interview „Harte Fakten, weiche Faktoren“  mit Thomas Bestgen geht es HIER weiter.
Mehr Info unter: www.utb-berlin.de

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