Loslassen, geht das?

Roxy und Gabi

Du musst lernen loszulassen!“ Diese gut gemeinten Worte habe ich oft gesagt bekommen und wenn ich ehrlich bin, machte ich mir darüber auch gar nicht so viel Gedanken. Es ist ja auch nicht so, dass wir Eltern unsere Sprösslinge von heut auf morgen loslassen.
Dieser Abnabelungsprozess beginnt doch eigentlich schon sehr früh. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie das vor fast 22 Jahren begann. Endlich lag meine Tochter nach 13 Stunden Geburt warm und glibschig auf meinem Bauch, dieser unbeschreibliche Glücksmoment zwischen Mutter und Kind! Da kam auch schon die Hebamme und sagte: “Ich muss ihr Kind jetzt zur Untersuchung mitnehmen!“ und schwupp war sie wieder weg.

Da spürte ich zum ersten Mal dieses ganz blöde, unangenehme Bauchgefühl. LOSLASSEN, das müssen wir Mamas (natürlich auch Papas) doch ganz oft, ob es der Beginn der Kindergartenzeit ist, die erste Kinderreise, die Einschulung, der Schulweg , nicht mehr Taxi- Mama sein, Klassenfahrten, der erste Freund oder die erste Urlaubsreise ohne Eltern (bzw. Elternurlaub ohne Kind!). Klar, das war nicht immer ganz einfach und das doofe Bauchgefühl quälte mich mal mehr und mal weniger. Ich wurde dafür aber auch belohnt, denn mit jedemneuen LOSLASSEN entwickelte sich meine Tochter weiter und ihr Selbstbewusstsein wuchs. Mit 18 Jahren äußerte sie den Wunsch nach dem Abitur ein Jahr ins Ausland zu gehen. Damals war ich total überrascht, freute mich jedoch, dass sie so mutig war, einen solchen Schritt zu wagen. Sie wollte gerne als Aupair in einer amerikanischen Familie leben, sich um deren Kinder kümmern und
vormittags zum College gehen. So konnte sie die Sprache sehr intensiv lernen.

Im Februar bewarb sie sich bei der Organisation AIFS für das „Educare – Programm“, welches im Vergleich zum „standard“ Aupair – Programm, die Möglichkeit bietet mehr Kurse am College zu belegen. Sie fand ziemlich schnell eine passende Familie und erzählte total begeistert von den ersten Gesprächen mit ihrer Gastmama und der ganzen Familie – und ich merkte, wie sich innerlich in mir alles verkrampfte. Mein blödes Bauchgefühl war wieder da, aber dieses Mal leider viel zu stark. Es ging alles so reibungslos, dass ich mir bis dahin noch gar keine Gedanken über den Abschied gemacht hatte. Ich begriff allmählich was da auf mich zu kam: LOSLASSEN in einem Ausmaß, wie ich es bis dahin nicht kannte!! Ich würde sozusagen von heut auf morgen eine MAMA – AUSZEIT bekommen. Es begann eine Zeit des Gefühlschaos, aber ich wollte sie auf gar keinen Fall damit belasten und verunsichern, sonst wäre sie vielleicht noch am Ende wegen ihrer blöden Mama nicht geflogen! Eines durfte ich dabei auch nicht vergessen, sie musste genauso lernen loszulassen. So machten wir eine riesige Abschiedsparty mit der Familie und Freunden. Kurz vor der Abreise verbrachten wir beide ein Mama- Tochter- Wochenende auf Rügen. Der Moment, als ich meine Tochter auf dem Flughafen noch einmal ganz fest im Arm hielt, sie mich losließ und dann schnell durch die Zollkontrolle ging, war einer der schlimmsten in meinem Leben, als wenn man innerlich zerreißt. Das war wirklich LOSLASSEN!!! Aber ich wollte unbedingt, dass sie diese tolle Erfahrung macht.

Dank der heutigen Kommunikationsmöglichkeiten wie Skype, konnte ich meine Tochter jeder Zeit sprechen und sehen. Wir blieben ständig in Kontakt. Mein Mann und mein 9- jähriger Sohn halfen mir sehr über diese Zeit hinweg. Wie heißt es so schön: „Die Zeit heilt alle Wunden“ und so war es auch. Unsere emotionale Bindung wurde durchdiese Trennung jedoch unglaublich stark.

Meine Tochter verbrachte ein super tolles Jahr in den USA und kam als selbstbewusstes, erwachsenes Mädchen zurück, das ihre ganz eigenen Vorstellungen vom Leben hatte. Es war merkwürdig, wir hatten uns so aufeinander gefreut, doch dann brauchten wir einige Zeit, bis wir uns daran gewöhnt hatten wieder unter einem Dach zu wohnen. Da steppte manchmal richtig der Bär!!! Ich wollte mir z.B. auf gar keinen Fall in meinen Haushalt reinreden lassen, den meine Tochter nun langsam umstrukturierte.

Da gab es des öfteren nette Diskussionen!! Irgendwie fehlte mir ein Stück Entwicklung im Leben meines Kindes. Was bei meinem Sohn noch funktionierte, ging bei meiner Tochter gar nicht mehr. Als sie im Herbst in Frankfurt (Oder) zu studieren begann, fühlte ich, dass diese Trennung für uns beide gut war und sie nun ihren ganz eigenen Weg gehen musste. Mein Bauchgefühl war o.k., obwohl wir uns nur noch am Wochenende sahen. Im letzten Jahr wechselte sie die Uni und zog nach Fulda, 4 Stunden entfernt von Zuhause. Ich muss zugeben, dass dieser Schritt wieder für uns alle schwer war, denn wir sehen uns seitdem nur noch in ihren Semesterferien. Aber, wie sagte meine Schwiegermutter immer so schön: „Watt mutt, datt mutt!“, sie hat 7 Kinder großgezogen und manchmal frage ich mich, ob sie auch das Bauchaua beim Loslassen hatte!! Also jedenfalls ist es so, dass ich heute mit der ganzen Situation gut klar komme. Weihnachten verbrachten wir zwei sehr harmonische Wochen. Unser Mutter-Tochterverhältnis ist nun richtig toll und mir ist klar geworden, dass ich sicher nicht zum letzten Mal losgelassen habe. Die Verbindung zwischen uns beiden wird immer bleiben, egal wie weit sie von mir entfernt ist. Ich bin mit meinen Gedanken, Gefühlen und Sorgen immer bei ihr und wenn sie mich braucht, bin ich für sie da.

Für Euch geschrieben hat: Gabriele G.

Artikel aus der Ausgabe 1/2012

 

TIPP: Für alle Interessierten die Kontaktdaten der  Organisation AIFS, mit der meine Tochter sehr gute Erfahrungen gemacht hat: www.aifs.de und Telefon: 0228 95730-0

 

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