Logopädie – Traumberuf mit Albtraumlöhnen

Dieser Bericht erschien in der Printausgabe von uns mit dem Titel:Glüxxkind und wurde geschrieben von Nicole Pötzsch-Waschwill: • geb.: 1971, verheiratet, 1 Tochter • Praxis seit 20 Jahren, derzeit 9 Mitarbeiterinnen • schon immer im Süden Berlins, 1. Praxisräume im Haus der Oma • seit 13 Jahren an der Fritz-Erler-Allee • Nicole betreut seit vielen Jahren Menschen mit Schluckstörungen bei neurologischen oder anderen Erkrankungen

Nicole: Nomalerweise bin ich nicht so der „Schreiber“, aber mir brennt es unter den Nägeln und ich möchte mal etwas loswerden. Was ist eigentlich Logopädie? Es ist viel mehr als ihr denkt und für viel weniger als ihr glaubt. Für viele Logopäd/Innen ist dieser Job ein Traumberuf, allerdings mit ganz schön viel Tücken. Wisst Ihr, wieviel Arbeit Logopäd/Innen eigentlich leisten und wie wenig sie dafür bekommen?

Es beginnt mit der Ausbildung, denn diese kostet schon einmal Geld. Berufsanfänger steigen gleich mit Schulden in die Arbeitswelt ein – in der sie zusätzlich noch sehr schlecht entlohnt werden. Bis heute zahlen die Krankenkassen für diese Therapien sehr wenig. Für Euch mal ein kleiner Einblick: Wir arbeiten mit Menschen und bekommen pro Therapie ca. 35-36€. Bring mal dein Auto in die Werkstatt. Dort kostet eine Meisterstunde gerne mal 80-120€. Meine sehr erfahrene, fast 50jährige Mitarbeiterin bekommt für ihre hochqualifizierte Arbeit gerade einmal 14,50€ brutto. Da bleibt nicht viel übrig. Sie hat aufbauend noch eine Ausbildung zur Lerntherapeutin. Das qualifiziert sie zusätzlich, kann jedoch nicht ordentlich entlohnt werden. Die Lerntherapie müssen wir als Selbstzahlerleistung anbieten, doch viele Menschen können sich das gar nicht leisten. Die Krankenkassen zahlen die Lerntherapie nicht.

Ein Schwerpunkt meiner Praxis ist die Behandlung und Beratung von Menschen mit schweren Erkrankungen wie z.B. ALS und MS. Oft liegt eine Störung des Schluckens vor, manche benötigen eine Trachealkanüle, weil sie beatmet werden oder weil sie sich häufig verschlucken. Manchmal bleiben Schluckstörungen bei älteren Menschen auch zunächst unbemerkt. Sie husten oder räuspern beim Essen häufiger, ohne es zu merken. Das kann ein Anzeichen dafür sein, dass das Essen und Trinken „in die falsche Kehle“ läuft. Hier lässt sich manchmal mit einfachen Änderungen der Haltung beim Essen oder einer anderen Kopfhaltung bzw. anderen Trinkgefäßen eine Menge verändern, ohne dass gleich langfristig Logopädie erforderlich wäre. Für eine kompetente Beratung und Behandlung benötigt es neben Fortbildungen einen stetigen Austausch mit KollegInnen, ÄrztInnen und anderen Fachdisziplinen. Das ist alles „Freizeit“, in der wir uns weiterbilden und im Interesse unserer Kunden austauschen, um umfassend helfen zu können. Es besteht sogar eine Fortbildungspflicht, die wir zwar sehr begrüßen. Manchmal jedoch fragen wir uns, von welchem Geld wir diese Fortbildungen finanzieren sollen. Weitere Tätigkeitsbereiche von Logopäd/Innen sind die Behandlung von Kindern mit Sprachstörungen, Aussprachestörungen und Mundmuskelschwächen sowie die Therapie von erwachsenen Patienten nach Schlaganfall, Unfällen und bei anderen schweren Erkrankungen. Wir helfen Menschen, in die Sprache zu kommen oder eine gestörte Sprache wieder herzustellen. Ist dies nicht möglich, suchen wir auch nach Möglichkeiten der Ersatzkommunikation.

Die Patienten sind oft hoch dankbar, mit wie viel Engagement wir uns um sie kümmern. Die Logopädie bedeutet bei uns oft mehr als nur Sprach- und Schlucktraining. Wir versuchen, den Patienten ganzheitlich zu helfen und auch kleinere Probleme des Alltags zu lösen, die deren Erkrankungen unter Umständen nach sich ziehen. Meine Mitarbeiter/Innen, bzw. unser Team leisten tolle Arbeit. Das wollte ich einmal aussprechen und ich bin froh, dass so viele Patienten durch unser Team versorgt werden können.

Wir sind für viele Patienten kleine Engel und sie sind glücklich, durch uns versorgt zu sein. Und es ist ein Glück, dass es diesen Traumberuf gibt, der so vielen Menschen helfen kann. Auch, wenn wir mit Albtraumlöhnen klar kommen müssen!

Eure Nicole Pötsch-Waschwill.

www.logopaedie-rudow.de

 

 

 

 

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