Konstruieren statt konsumieren

Van Bo Le-Mentzel wuchs in Berlin-Wedding auf, betätigte sich als Rapper und Graffiti-Künstler. Architektur studierte er an der Beuth Hochschule für Technik in Berlin. Während einer Arbeitslosigkeit hat er im Jahre 2010 einen Tischler-Wochenendkurs an der Berliner Volkshochschule absolviert. Dieses eine Wochenende inspirierte ihn so sehr, dass er eine eigene Möbelkollektion unter dem Motto „konstruieren statt konsumieren“ entwarf. Sein erster Entwurf war der „24 Euro Chair“. Es folgte eine Kollektion, die aus einem Stuhl, Sessel, Schlafsofa, Regalund Tisch besteht. Das Goethe-Institut schickte ihn quer durch Europa um mit anderen Menschen den „24 Euro Chair“ zu bauen. Weitere Projekte, wie die Karma-Chakhs, eine Kopie der Chucks von Converse, folgten. Van Bo hat die Karma Chakhs in Pakistan, Sri Lanka und Indien unter fairen Bedingungen produzieren lassen.

Eine Crowdfunding-Plattform ermöglichte es, Abnehmer zu finden. Er nennt die Käufer „Prosumer“. Das ist eine Wortschöpfung aus Konsument und Produzent. Auch stammt von ihm das 1m²-Haus, welches auf einen Autoparkplatz passt.

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Die erste Frage, die mich brennend interessiert. Van Bo, was ist eigentlich ein Karma-Ökonom?

Er lächelt, leicht verschmitzt, wie ich finde…..Ein Ökonom sollte wirtschaftlich denken, handeln und arbeiten. Das Ziel ist maximaler Profit. Als Karma-Ökonom möchte ich, dass mehr Gutes in die Welt kommt und dadurch die Welt ein Stück besser wird. Ziel ist es mit meiner Entscheidung glücklich zu sein und mein Umfeld dabei mitzunehmen.

Nach einem Tischlerkurs an der Volkshochschule hast du Hartz4Möbel designt und die Pläne zum Selbstbau öffentlich gestellt, warum?

Das ist genau das Prinzip eines Karma-Ökonomen. Ich gebe mein Wissen weiter, mache Vorschläge, wie man sich aus wenig Mitteln selbst etwas erschaffen kann. Ich bin mir sicher, dass wir Dinge, die wir selbst produzieren mehr wertschätzen.

Warum hast Du sie nicht selbst produziert?

Als Architekt kann ich etwas für dich tun. Doch wenn ich das selbst umsetzen muss, führt es dazu, dass ich viel arbeiten muss. So zeige ich dir, wie du selbst etwas konstruieren kannst. Das war die Grundidee zu meinen Hartz4möbeln. Es ist doch ein schönes Gefühl etwas selbstgemacht zu haben, du weißt dann auch, wie es wieder repariert werden kann – ansonsten bist du ständig enttäuscht, weil du die Quittung nicht mehr hast oder der Service schlecht ist, falls dir etwas kaputt geht. Die Pläne stelle ich zwar kostenlos zur Verfügung, dennoch sind sie nicht kostenfrei. Ich verlange Offenheit, möchte wissen, was daraus geworden ist.

Was genau meinst Du damit? Die Baupläne sind urheberrechtlich geschützt. Jeder kann sie für private Zwecke nutzen. Auch unterstütze ich gerne soziale Projekte wie Schulen oder ein Café oder Restaurant. Doch bevor du Geld mit meiner Idee machst, möchte ich gefragt werden. Natürlich freue ich mich über Informationen, wenn ein Möbelstück durch meine Pläne entstanden ist oder gar weiterentwickelt wurde.

Van Bo, wie denkst Du über Geld?

Geld ist immer hilfreich, doch wir sollten aufpassen, dass wir nicht zu Sklaven des Geldes werden. Was bringt es, wenn ich mehr Geld auf dem Konto habe aber weniger Freude, Freunde, Gesundheit oder Aufmerksamkeit bekomme. Geld ist kein Maßstab für ein gutes Leben.

Geld beruhigt sagt man doch so schön. Es ist für viele ein Problem wenig Geld zu besitzen!

Unser Problem in der Gesellschaft ist nicht zwingend die Armut, sondern unsere Erwartungshaltung gegenüber der Regierung, den Behörden, den Schulen, an Hartz4, Krankenhäusern oder Kitas. Wenn Du wenig erwartest, wird die Enttäuschung kleiner. Auch erwarten wir viel zu viel von anderen oder von uns selbst. Wir werden von klein auf getrimmt auf ein erfülltes Leben, sexueller Höchstleistung, cosmopolitischen Denken. Auch gutes Aussehen wird erwartet. Nebenbei sollen wir noch gute Väter, Mütter und Mitarbeiter sein. So entwickelt sich schnell eine Entwicklungskrise. Der Buddhismus ist ein gutes Beispiel und erinnert uns daran innezuhalten. Einfach mal durchatmen und sich auf Wesentliches konzentrieren.

Das ist gar nicht so einfach. Wir haben ständig etwas zu erledigen, es gibt viele Regeln an die man sich halten muss!

Regeln kann man hin und wieder hinterfragen. Macht es immer Sinn, das zu machen, was uns vorgegeben wird?

Was stellt du dir für die Zukunft vor? Ich wünsche mir maximales Karma für uns. Die Zukunft, die existiert eigentlich gar nicht. Du musst dir das wie das Fahrradlicht am Lenkrad vorstellen. Nachts wenn du die Lampe einschaltest, bildet das Licht eine kegelförmige Sichtmöglichkeit. Licht jedoch hat keine Materie, keine Substanz. Ähnlich wie ein Schatten. Du kannst den Schatten nur festhalten, wenn du ihn fotografierst oder aufmalst und machst ihn somit zu etwas Festem. Also das bedeutet, eigentlich ist der Lichtkegel gar nicht da. So musst du dir die Zukunft vorstellen. Wir tun ständig so als wäre sie da. Dabei ist unser Zukunftsdenken eher so etwas wie ein Abbild unserer Ängste und Bedürfnisse!

Vielen Dank Van Bo, für das Interview – Autor: Anita Tusch

Der Architekt Van Bo Le Mentzel ist in verschiedenen Projekten engagiert. Er ist Mitbegründer des Berliner Vereins „Kiez-Tank-Stelle“, der sogenannte „Schooltalks“ organisiert. Interessante Persönlichkeiten werden dazu in die Schulen eingeladen, um den Jugendlichen zu erzählen, wie sie es geschafft haben, trotz schlechter Startbedingungen im Leben weiter zu kommen

Mehr Informationen:

www.hartzivmoebel.de | bauhauscampus.org

 

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