Julius, die Kerze – eine Weihnachtsgeschichte

Julius, die Kerze..
Kerzen sind etwas Besonderes. Sie spenden Licht und Wärme, verbreiten Harmonie und wandeln harte Kanten in weiche Konturen. Kerzen haben ein nur kurzes Leben und sind, einmal entzündet, dem Tode geweiht. Niemand würde je die Kerze fragen, ob Sie damit einverstanden ist, wenn wir Sie dem Feuer preis geben. Und dennoch geben Sie Ihr Leben, um uns zu
scheinen und zu wärmen. Doch nicht alle sterben schweigend…
Da war Julius, eine – und darauf legte sie Wert – Bienenwachskerze. Eine Bienenwachskerze zu sein, ist für Kerzen so, wie aus einer guten Familie zu stammen. Julius kannte seine Eltern zwar nicht, war sich aber sicher, daß in ihm das Wachs einer großen Bienendynastie steckte. Er verbrachte den Sommer gut geschützt in einem Karton im Keller eines Hauses der Familie,
die Ihn gekauft hatte. Einige, bereits kurz benutzte Nachbarkerzen im Karton, erzählten Ihm von seiner Aufgabe; zu brennen, bis er sterben würde. Keine leichte Aufgabe. Wer steht schon gern still und leuchtet auf dem Scheiterhaufen!

Julius konnte sich mit diesem Gedanken nicht so recht anfreunden. „Einfach abbrennen, das soll es gewesen sein mit meinem Kerzendasein?“ „Dem Nachbarn muß das Kunstwachs in den Docht gestiegen sein“, dachte sich Julius und legte die Angelegenheit ad acta. Der Herbst kam und ging und die Weihnacht nahte und damit auch der Zeitpunkt, den die
anderen Kerzen ihm geschildert hatten. Jetzt bekam es Julius mit der Angst zu tun, denn irgendwie wurde und wurde es nichts mit dem anderen Leben, auf das er hoffte.
„Wer brennt, verbrennt recht bald“, jammerte er „und dann ist es um ihn geschehen“. „Ich will bleiben, wie ich bin“! Eine größere Kerze aus der Ikeaschachtel nebenan antwortete gelassen: „Wenn du nicht brennst, bist Du tot, noch bevor du gelebt hast. Dann bleibst du auf ewig Wachs und Docht. Nur wenn du dich entzünden lässt, wirst du, was du wirklich bist“. Dein
Leben bekommt einen Sinn, wenn auch nur für eine kurze Dauer. Aber Julius war nicht überzeugt. Er wollte bleiben wie er war. „Man kann es eigentlich nicht mit Worten erklären, man muss es erfahren“, fuhr die andere Kerze rätselhaft fort.
„Nur, wer sich hingibt, verwandelt die Welt. Und indem er die Welt verwandelt, bekommt Dein Leben einen Sinn. Du darfst nicht über das Dunkel klagen und über die Kälte, wenn Du nicht selbst bereit bist zu brennen, zu wärmen, zu leuchten!“
Da ging Ihm plötzlich ein Licht auf. Er gab seinen Widerstand auf und ließ sich schon bald am Weihnachtsbaum anzünden. Und je mehr er flackerte, desto mehr verwandelte Julius sich in Licht und strahlte und leuchtete, als gelte es, alle Nächte der Welt zu erhellen.

Am schönsten war ihr Widerspiegeln in den Augen und Herzen der Menschen, die ihm beim Leuchten zusahen.
Julius ließ sein Kerzenleben, nur um uns zu scheinen und etwas Wärme zu geben und er dachte sich entkräftet:

„Eigentlich sind Kerzen die besseren Menschen“.

Ich möchte hier an dieser Stelle André Detroit von movieman ganz herzlich für dieses wundervolle Weihnachtsgedicht danken, welches er selbst geschrieben und auch wir in die Hand bekommen haben. Da wir finden, dass solltet Ihr auch mal lesen, hat er uns erlaubt, es hier zu veröffentlichen :-)

3 Antworten zu "Julius, die Kerze - eine Weihnachtsgeschichte"

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    Achim Walther 19. Dezember 2010 (10:00)

    eine schöne Geschichte, die „inspiriert“…

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    Andrea Neuberger 13. Oktober 2014 (17:07)

    Hallo, ich bin im Redaktionsteam unserer ev. Kirchengemeinde (Brilon) für die Gestaltung der Kinderseite in unserem Gemeindebrief zuständig. In der nächsten Ausgabe liegt für die Kinder eine Bienenwachsscheibe mit Docht als „Weihnachtsgeschenk“ bei. Durch Zufall bin ich auf die Seite mit der Kerzengeschichte gekommen, die ideal zu unserem nächsten Gemeindebrief passen würde. Wäre es möglich, dass ich sie dort veröffentlichen kann?

    Viele Grüße
    A. Neuberger

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      Anita 14. Oktober 2014 (09:07)

      Hallo Andrea, aber natürlich gerne. Bitte den Autor nicht vergessen. Er heisst übrigens André Detroit, movieman.de

      Freut uns sehr, dass Dir die Geschichte gefällt :-)

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