Interview – Let me entertain you…Bürger Lars Dietrich

Er rappt. Er singt. Er textet. Und tanzen und komisch sein kann er auch noch. Sich selbst sieht Bürger Lars Dietrich als Entertainer, der immer alle Facetten seines Könnens kombiniert. 1973 in Potsdam geboren, gründet er dort 1985 mit Freunden seine erste Hip Hop Posse und tritt mit Breakdance bei Jugendveranstaltungen auf. Er beginnt ein Ballettstudium auf Palucca-Schule in Dresden und zieht wenig später nach Berlin, wo er seine Ausbildung an der Staatlichen Ballettschule erfolgreich abschließt. In dieser Zeit tanzt er
unter anderem am Metropol-Theater und arbeitet als Stuntman bei den DEFA-Studios in Babelsberg. Seine erste Single „Mädchenmillionär“ in Stefan Raabs Sendung „Vivasion“ ist der Grundstein für eine langjährige Zusammenarbeit der beiden Männer.

2008 überrascht Bürger Lars Dietrich mit dem Album „Damenwahl“, auf dem er in allerfeinster Revue-Jazz-Manier seine ganz persönlichen, unvergesslichen Highlights aus der Musikgeschichte performt. Es folgen Auftritte in der „Sat1-Wochenshow“ und verschiedene Auszeichnungen, darunter der Deutsche Comedypreis und der Adolf-Grimme-Preis. In seinem aktuellen Buch „Schlecht Englisch kann ich gut“ beschreibt er auf sehr persönliche Art und Weise seine Jugend in der DDR. Ich treffe Bürger Lars Dietrich beim Berliner Radiosender KISS FM. Es ist ein Freitag, es ist punkt 9 Uhr. Der Bürger ist hellwach und ich auch. Eine Stunde auf Sendung hat er bereits hinter sich. Er hätte jetzt gerne einen Kaffee, ich haben leider keinen dabei. Der Sendeleiter verspricht ein
Frühstück nach dem Gespräch. Das stimmt Bürger Lars Dietrich freudig und seine gute Laune ist kaum zu überbieten. Kein Zweifel: Der Mann ist nicht nur unglaublich gut drauf, er ist auch verdammt charmant und sehr höflich. Seine Augen lachen. Ich strahle. Los geht’s…
Wie hat der Tag heute für Dich angefangen? Und was gab es zum Frühstück?
Ich bin 6.30 Uhr aufgestanden, damit ich schnell knitterfrei aussehe, bin kurz vor 8 in Schöneberg, wo
ich wohne, losgefahren und war seit 8 Uhr auf Sendung und habe ein bisschen von meinem neuen Buch erzählt. Und jetzt haben wir das Interview. Gefrühstückt habe ich leider noch gar nichts. Nicht mal Kaffee. Morgens setzt der Hunger bei mir erst eine Stunde
nach dem Aufstehen ein. Das war schon in der Schulzeit so.

Erzähl uns doch bitte, worum es in Deinem aktuellen Buch „Schlecht Englisch kann ich gut“ geht.
Es ist die Alltagsbeschreibungen eines bürgerlichen Lebens in der DDR. Allerdings ist das Ganze nicht todernst oder ostalgisch
gemeint, sondern mit einem Augenzwinkern. Ich bin in Potsdam geboren und in Potsdams erster Plattenbausiedlung
aufgewachsen. Das war damals schon was Tolles. In einem Neubau zu leben bedeutete modernes Wohnen. Wir haben uns´über die lustig gemacht, die im Altbau wohnen und mit einem Ofen heizen müssen. Allerdings habe ich bald gemerkt, dass man mangels
Entertainment in diesen Arbeiterschließfächern auch schnell schlechte Laune bekommen konnte. Darum beschreibt das
Buch auch die Art der schlechten Laune. Irgendwie musste man sich die Kindheit ja selbst gestalten.

Wie war Deine Kindheit in der DDR?
Vom Westfernsehen geprägt wusste ich natürlich sehr früh, was die Kinder im Westen hatten und was ich haben wollte.

Meine Mutter hat in einem An- und Verkauf gearbeitet und da sind schon mal Westsachen auf dem Ladentisch gelandet, die unter dem Tisch weiterverkauft wurden. Ich habe davon profitiert und war sowas wie der Wessi bei unsin der Ecke und habe mit meinen Westpullovern ein hohes Ansehen genossen. (lacht) Diese bunten Sachen haben meinen Alltag bunt gestaltet. Außerdem sind meine Großeltern regelmäßig in den Westen gereist und haben mich unter anderem mit Schlumpffiguren versorgt. Das waren Werte, das kann man sich heute nicht vorstellen. Manchmal haben w i r uns schick angezogen und sind mit der Familie zum Intershop gefahren. Aber nur gucken, hat Mama immer gesagt. Aber nur gucken ist für ein Kind eben nicht imme r leicht. Und ich musste mir ganz viel Dinge selbst beibringen. Breakdance zum Beispielhabe ich einmal im Westfernsehen gesehen und aus der Erinnerung heraus gelernt. Das war schon eine Leistung. Der Vater eines Freundes hat unsere ersten Hip Hop-Versuche mit einer Super 8-Kamera festgehalten. Der Film ist verschollen, aber jetzt sind ein paar Schnipsel davon aufgetaucht und ich zeige sie während meiner Lesungen. Peinliche Fotos sieht man übrigens auch von mir.
Wie hat sich die Breakdance-Szene im Osten organisiert?
Meine Mutter war Schneiderin, was mir und anderen zugute kam, weil sie für uns Sachen schneiderte, damit wir wenigstens annähernd wie Hip Hoper aussahen. Ich erinnere mich da an bunte Shorts mit Palmenmuster oder ein Basecap, das ich gegen irgendwas anderes getauscht habe. In Potsdam haben wir öfter in der Fußgängerzone getanzt. Einmal bis die Polizei kam und unsere Personalien aufnahm. Dass Tanzen auf der Straße auch die Karriere der Eltern kaputt machen konnte, daran hat man als Kind nicht gedacht. Hip Hoper durften wir erst so richtig sein, als der Film „Beatstreet“ rauskam. Der Produzent Harry Belafonte,
der in der DDR sehr beliebt war, war des öfteren Gast in verschiedenen Shows. Deshalb durfte der Film im Osten gezeigt werden und wir uns endlich auch offiziell zu unserem Hobby bekennen. Später gab es Wettbewerbe und wir durften gegen Bezahlung bei Veranstaltungen auftreten.

Wie seid Ihr an die Musik gekommen?
Die haben wir uns bei Freunden, die in Diskotheken aufgelegt haben, besorgt oder bei anderen überspielt. Natürlich war auch das ein Tauschgeschäft. Eine andere Möglichkeit war, Tapes neu zusammenzuschnipseln. Oder mit Beatboxen einen ganz eigenen Rhythmus zu schaffen. Es gab damals eine Radiosendung die informiert hat, in welchen Discos am Abend Hip Hop gespielt wird. Dort haben wir uns dann getroffen. Nach der Wende hat sich die Szene zerschlagen und jeder hat sein eigenes Ding gemacht. Zu einigen habe ich aber noch Kontakt.

Welche war Deine erste Schallplatte?
Alfons Zitterbacke. Da wird auch das Alltagsleben eines Bürgers in der DDR beschrieben. Damals natürlich noch aus einem
anderem Blickwinkel. Für Schallplatten aus dem Westen war es gut, einen Rentner zur Besorgung von Westsachen zu kennen.
Diese ausreiseerlauchten Bürger haben dann in bunten Tüten die Sachen geschmuggelt. Natürlich wurden auch Platten,
neben Cola-Dosen und beklebten Papierkörben, zur Tauschware. Und: verborgen war tabu. Englischunterricht gab es auch in den Schulen in der DDR.

Schlecht Englisch sprichst Du gut. Welche Sprachen sprichst Du noch?
Russisch geht besser, aber das das ist nicht richtig gut. Ich wusste in der Schule nie so richtig, wofür ich Englisch brauche. Und
später hatte ich keine Zeit für die Schule, ich wollte tanzen. Und warum sächselst Du ab und zu? Magst Du Dialekte? Sächseln mache ich aus Spaß. Aber ich mag tatsächlich den Dialekt, den die Anhaltiner sprechen. Bei Frauen mit diesem Dialekt werde ich durchaus auch schon mal schwach.

(es klopft, der KISS FM-Sendeleiter weißt uns mit einem Blick auf die Uhr auf’s Frühstück hin)

Bürger Lars Dietrich sieht hungrig aus und freut sich auf einen heißen Kaffee. Er post noch für ein paar Fotos und verabschiedet sich mit „Bis zum nächsten Mal“ auf unnachahmlich herzliche Art von mir. Solche Männer machen mich schwach. :-)

Das Interview führte übrigens: Simone Bischof   

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