Inklusion – Wir leben es!

Komm doch mal zu uns, bat mich Dirk Winterfeld! Zu uns bedeutet: zur SGH Sportgemeinschaft Handicap Berlin e.V. Hier spielen Menschen mit und ohne Handicap gemeinsam Rollstuhl-Basketball. Dirk sitzt nunmehr seit Februar 2000 im Rollstuhl und erzählt uns immer einmal wieder über sein Leben im Rollstuhl.

Wir besuchen den Verein während eines Trainings und haben ein paar Eindrücke für Euch mitgebracht. Dirk Winterfeld holt mich vor der Halle ab und stellt als erstes den Oberliga-Spieler sowie Trainer der Landesliga, Stephan Steinl vor. Er sitzt ebenfalls nach einer beidseitigen Oberschenkelamputation im Rollstuhl. Stephan kümmert sich auch noch regelmäßig um Schulprojekte, da es ja auch in den einzelnen Schulen Schüler mit Handicap gibt. Ganz Gentlemen-like öffnet Stephan mir die Tür und hält sie auf. Dirk witzelt rum. „Ja, es gibt auch Gentlemen im Rollstuhl“. Ich muss grinsen, Humor haben sie offensichtlich beide. Stephan erzählt, dass der Verein SGH-Berlin, Abteilung Rollstuhl-Basketball in der Oberliga sowie in der Landesliga spielt „Aber es gibt auch eine Art „Beginner-Mannschaft“ für Starter, entgegnet Dirk. Insgesamt machen hier 60 „Rollstuhl-Fahrer“ mit. Wie schon beim Training schnell zu erkennen ist, sitzen nicht alle von Hause aus im Rollstuhl. Meinen Blick kann Trainer Stephan Steinl sofort deuten und antwortet spontan: „Ja, Anita…wir leben hier Inklusion“. Ich erinnere mich, diesen Begriff in den letzten Jahren schon öfter gehört und gelesen zu haben. Es bedeutet im Grunde „Akzeptanz und Gleichberechtigung“.

Ist es denn wirklich eine Gleichberechtigung, wenn Sportler mit und ohne Handicap gemeinsam in einer Mannschaft spielen? Dirk und Stephan erklären: Eine Mannschaft besteht aus 5 Spielern. 2 davon dürfen ohne Handicap sein. Jeder Spieler wird klassifiziert je nach Beweglichkeit und Einschränkungen. Hier werden dann entsprechend Punkte vergeben. Jede Mannschaft darf nur 14 Punkte zusammen auf das Spielfeld bringen. Spielen müssen jedoch alle sitzend im Rollstuhl. Ich sehe Männer sowie Frauen und Jugendliche, die gemeinsam spielen. Dirk erklärt: „Es ist völlig egal, ob Du ein Handicap hast oder nicht, ob du ein Mann, eine Frau oder dich noch im Jugendalter befindest. Jeder darf mitmachen. Es geht hier um Gemeinsamkeit, Freude am Sport und Ehrgeiz.“ Wir achten auf die Jugendlichen, die sollen ja nicht verheizt werden, sagt Stephan. Dirk hakt nach „Unterschätzen sollte man die teils sehr jungen Spieler allerdings nicht, denn manche sind so flink, da kommst Du überhaupt nicht hinterher. Die größeren haben den Vorteil, wenn sie den Ball in der Hand haben, kannst Du nichts mehr machen, – außer hoffen, dass derjenige nicht trifft“. Gemeinsam mit Martin Schmidt, Trainer der Oberliga Mannschaft und Spieler der Landesliga führen die beiden die jungen Talente gezielt heran. „Wir sind unheimlich stolz auf unsere Jugendarbeit“, erzählt Stephan. „Unser jüngster Spieler ist 8 Jahre alt. Wir haben ca. 25 Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr. Wir arbeiten alle mit viel Ehrgeiz und Freude im Taktikbereich, an der Wurftechnik und an der Schnelligkeit. Unser ehemaliger Spieler Marvin Malsy (19) spielt mittlerweile in der 1.Bundesliga. Aber es gibt viele andere Frauen und Männer, die sich um das Wohl jedes einzelnen kümmern. So wird bei Heimspieltagen ein sehr preiswertes und schmackhaftes Catering angeboten. Matze repariert unter anderem die Rollstühle, und Steffie ist Trainerin der „SGH-Puschelmiezen“, die Cheerdancinggruppe. Darauf sind sie besonders stolz, denn eine Cheerdancinggruppe hat nicht jeder Verein zu bieten!

Dirk, was gefällt dir hier so gut? Es ist die Wärme – also ich meine nicht die Heizung hier..und lacht..“mir gefällt die Mischung von Jung und Alt, und die Herzlichkeit mit der hier untereinander umgegangen wird.“ Kati kommt. Dirk stellt mir Kati vor. Kati sitzt normalerweise nicht im Rollstuhl. Mich interessiert warum sie Rollstuhl-Basketball spielt. Sie erzählt: „Angefangen hat es mit einem Praktikum beim Behindertensportbund. Ich habe dadurch die SGH kennengelernt und einfach mal mitgemacht. Das hat mir viel Spaß gemacht und ich bin hängen geblieben.

Ich bleibe hartnäckig Ja, aber warum Rollstuhl-Basketball? Du könntest doch auch so Basketball spielen? „Ja, könnte ich – aber ganz ehrlich – das geht mir viel zu schnell. Als Anfängerin bin ich hier mit Menschen zusammen, die sehr viel Geduld haben. Ich bin viel besser geworden. Normal spielen wäre mir zu schnell. Hier habe ich mehr Spaß und fühle mich besser aufgehoben.“ Luis kommt, 11 Jahre alt. Als ich ihn fragte, ob er mit mir mal sprechen mag, kam er offen auf mich zu. „Klar!“. Warum spielst Du hier bei der SHG, du kannst doch laufen? „Ich habe Spina Bifida.“ Und zeigt mir sein geschientes Bein, welches mir auf den ersten Blick gar nicht aufgefallen ist. Sein Vater sitzt neben mir und klärt mich auf: Die Spina bifida, auch offener Rücken genannt, ist eine angeborene Fehlbildung der Wirbelsäule und des Rückenmarks. Luis hat eine partielle Querschnittslähmung bis zum Knie. Ich spüre, er ist heiss auf das Training und halte ihn nicht auf, aber eine Frage stelle ich ihm dann doch noch.

Luis, was bereitet dir hier besonders viel Spaß beim Rollstuhl-Basketball? Wenn ich hier bin, fühle ich mich locker und entspannt. Er macht eine Pause! Ich verstehe, was er meint. Dann „schiesst“ es aus ihm heraus: Aber am meisten Spaß macht mir das Blocken… und lacht. Derzeit spiele ich in der Landesliga, aber mein Ziel ist die Bundesliga. Dann verschwindet er in die Mitte der Halle. Das Training beginnt. Sein Vater verrät noch, dass er auch Schlagzeug spielt – aber so richtig glücklich macht ihn das Basketball spielen. „Auch wenn er laufen kann, Rollstuhl-Basketball“ ist für ihn ein Glücklichmacher. Und ja – wer genau hinsieht, kann es sehen. Luis sieht glücklich aus und hat unheimlich viel Spaß beim Training. Ich traue mich nicht jeden anzusprechen, obwohl mich jede einzelne Geschichte interessieren würde. Das Training läuft so harmonisch ab, da möchte man nicht stören. Der Umgang untereinander ist höflich und freundlich. Glücklicherweise kommen nicht alle ganz pünktlich. Kurz vor Start des Trainings unterhalte ich mich mit Uwe. Er ist der Vater von Bela (13). Beide spielen bei der SGH Rollstuhl-Basketball. In einem kleinen kurzen Gespräch erfahre ich, dass auch Bela eine ausgeprägte Spina Bifida hat. „Weißt Du, andere Väter gehen mit ihren Söhnen auf den Bolzplatz um gemeinsam etwas zu unternehmen. Ich gehe mit meinem Sohn regelmäßig gemeinsam hier Basketball spielen.“ Das lasse ich so stehen und schaue beiden hinterher und beobachte sie beim Training.

Immer wieder trudeln Spieler ein. Das Training ist gut besucht. Nebenbei erfahre ich, dass solch ein Sport-Rollstuhl ziemlich viel Geld kostet. Es sind Spezial-Anfertigungen, die für den normalen Straßenverkehr nicht geeignet sind. „Zwischen 2 bis 5 Tausend Euro kann solch ein Gefährt schon mal kosten“, erwähnt Dirk. „Glücklicherweise gibt es immer wieder Sponsoren“, wendet Stephan ein.

Falls jemand einfach mal ein Probetraining machen möchte: der Verein hat auch die Möglichkeit für das Training entsprechende Sport-Rollstühle zur Verfügung zu stellen.

Das Training muss man einfach mal auf sich wirken lassen. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, wie harmonisch die Abläufe sind. Sie sind ein eingespieltes Team. Hier vereinen sich vielfache Talente und Begabungen von Menschen mit sowie ohne Handicap. Vielleicht ist das manchmal auch erst möglich, wenn man ihnen den Raum dazu lässt. Hier sind Parameter wie Entfaltung und Entwicklung im Vordergrund. Mitmachen, kann hier jeder der Lust und Laune hat am Basketball spielen, an Gleichberechtigung – an Menschen, die vielleicht anders sind und im Grunde doch nicht viel anders sind als Du und ich. Es gibt auch „Spaßturniere“, da wird natürlich eher Rücksicht aufeinander genommen. Die richtigen Turniere sind da schon eher ehrgeiziger. „Ja, da kann es ja schon mal so richtig krachen und ein wenig rücksichtsloser zugehen, erzählt Dirk….Wir sitzen ja schon im Rollstuhl, was kann uns noch passieren und lacht…

Wer mehr über den Verein wissen möchte:
www.sgh-berlin.de

 

DANKE an den Verein und Matthias Peuker für diesen schönen Schnappschuß <3 mit der Weihnachtsausgabe #heiligsgh

1 Antwort zu "Inklusion - Wir leben es!"

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    Ayman 14. Jan.uar 2016 (08:46)

    Schöner bericht von der Sgh Top

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