Ein Bericht aus dem Hospiz – Schatten und Licht

Tatjana

Diese offenen Worte schrieb für Euch – Tatjana aus dem Süden Berlins

Was auch immer zwischen zwei Menschen vorgefallen ist, in dieser Situation sind die Karten neu gemischt und die alten Regeln gelten nicht mehr… Die Endlichkeit des Lebens und die Gewissheit, dass es nicht mehr lange die Möglichkeit geben wird, zu sprechen, zuzuhören und sich aufeinander einzulassen, ist auf einmal so klar und lässt sich – bei aller Unsicherheit und Angst, die in so einer Situation mitschwingen – nicht mehr verdrängen. Es war keine Frage die entschieden werden musste, es war vielmehr ein inneres Drängen, sie sehen zu wollen und sowohl sie als mich nicht mit dem Gefühl zurück zu lassen, aus falsch verstandenem Stolz oder verletzten Gefühlen etwas unterlassen zu haben.
Das alles sei vorausgeschickt um zu erklären, warum ich meine Mutter erst in den letzten drei Wochen vor ihrem Tod begleiten konnte.
Mein Besuch im Krankenhaus hatte etwas sehr Befreiendes; zwischen Mutter und Tochter besteht wohl offensichtlich ein Band, das einiges aushält. Ihr Zustand hat mich jedoch sehr erschreckt, sie war nur noch ein Bruchstück ihrer selbst. Sie wirkte von der Krankheit gezeichnet klein und schmächtig; ihr Verstand und ihre Augen waren jedoch wach und munter. Die Krankheit und die Chemotherapie hatten sie so geschwächt, dass es ihr nicht möglich war, sich alleine aufzusetzen oder zu essen. Sie konnte nur noch pürierte Nahrung zu sich nehmen, die ihr in verschlossenen Plastikschälchen auf einem Tablett ans Bett gestellt wurde. In diesem Zustand ist beispielsweise das Öffnen eines solchen Behältnisses nur noch Illusion.  Das Personal ist oft so in Anspruch genommen, dass es einfach vergessen oder übersehen und so samt Tablett – ungegessen – wieder abgetragen wird. Wünsche der Patienten reduzieren sich mitunter auf ein Mindestmaß und man fühlt sich in einer Gemeinschaft von Menschen: Schwestern, Pflegern und Krankenhauspersonal – isoliert in seinem Zimmer – alleine und einsam.
Das Pflegepersonal hetzt von einem Patienten zum nächsten, bemüht, dem Arbeitspensum gerecht zu werden. Für die Patienten und die Angehörigen, die mit ihren Ängsten, Gefühlen und der Ungewissheit, wie es weitergehen wird, vom System alleine gelassen werden, bleibt kaum Zeit für eine Information oder ein Gespräch. Meine Mutter hatte sich bereits einige Zeit zuvor für die Aufnahme in ein Hospiz angemeldet, wenige Tage später wurde ein Bett frei, der Umzug fand statt. Ich hatte gemischte Gefühle weil ich keinerlei Vorstellungen von  einem Hospiz hatte. Uns erwartete im Hospiz Schöneberg-Steglitz eine lichtdurchflutete, liebevoll eingerichtete Stadtvilla. Im Hochparterre befindet sich eine offene Küche mit einem direkt angeschlossenen Aufenthaltsbereich. Die Zimmer können entsprechend der Wünsche der Gäste dekoriert werden, persönliche Dinge, finden ihren Platz. Hier steht nicht Zweckdienlichkeit sondern das Wohlbefinden des Gastes im Vordergrund.

Das Pflegepersonal ist den Menschen zugewandt, aufmerksam, interessiert und nimmt sich die Zeit für Gespräche, für das Abstimmen des weiteren Vorgehens. Die Ausrichtung gibt weitestgehend der Gast mit seinen Vorlieben, seinen Wünschen und Bedürfnissen und nicht das Schema, in das Patienten in einem Krankenhaus gepresst werden, vor. Meine Mutter wurde z.B. von der Köchin am ersten Tag nach Wünschen in Bezug auf eine Kleinigkeit zum Abendessen gefragt. Die Freude über die Erfüllung eines Wunsches führte dann dazu, dass sie mit Genuss ein Stückchen Toast mit Krabbensalat zu sich genommen hat. Am zweiten Tag fragte ein Pfleger, ob es ihr gestern gefallen habe, als sie die Beine mit einer kühlenden Lotion eingerieben und massiert bekommen habe. Ehrlicherweise antwortete sie, dass das bereits am Vormittag geschehen sei. Der Pfleger lächelte sie an und wiederholte seine Frage mit der Anmerkung: „Wenn es Ihnen gefallen hat, dann spricht doch auch nichts gegen ein zweites Mal wohlfühlen am Tag, oder ?“
Auch die Angehörigen und Besucher, die zu jeder Tages und Nachtzeit kommen können, erfahren Unterstützung und Hilfe. „Gespräche finden dort statt, wo man sich begegnet“, steht in einer Publikation des Hospizes Schöneberg-Steglitz. Das hat mir die Möglichkeit gegeben, meine Unsicherheit und Angst in Bezug auf den Umgang mit meiner im Sterben liegenden Mutter zu bewältigen und etwas an meine Mutter zurück zu geben, in dem ich bis zu ihrem Einschlafen an ihrer Seite war. Das Hospiz habe ich als einen friedvollen und liebevollen Ort erlebt, an dem gemeinsam gelacht und geweint werden kann. An dem der Mensch und seine Würde und nicht das Abrechnungs- und Gesundheitssystem im Vordergrund stehen. Es klingt vielleicht ein wenig befremdlich, aber „wenn man schon sterben muss, ist das ein wirklich guter Ort dafür“.
Ich danke dem Team des Hospizes Schöneberg-Steglitz für seine Unterstützung und Begleitung in diesen intensivsten 2 Wochen meines Lebens: Ihr macht einen tollen Job !

Diesen Beitrag schrieb für Euch: Tatjana aus dem Süden Berlins.

PS: Ich möchte mich an dieser Stelle bei Tatjana für diesen sehr einfühlsamen und sehr authentischen Artikel bedanken. Anfangs war mir unwohl, solch ein Thema aufzunehmen. In einem sehr schönem Gespräch mit Tatjana wurde mir bewußt, dass auch solche Themen zu uns gehören und es nicht hilft, die Augen zu verschliessen. Danke, Tatjana – unser Telefonat war für mich eine große Bereicherung! liebe Grüße, Anita

 

Haus

 Hospiz Schöneberg-Steglitz
Kantstraße 16, 12169 Berlin
Tel.: 030 7 68 83 -0
http://www.hospiz.nbhs.de/

 

 

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