Die Frontfrau und der alte Ami

Einen Radiosender besuchen, das hat immer etwas Aufregendes. Dann noch einen der sich mitten im Süden Berlins befindet: Wunderbar! Und wenn Du dann noch zwei echte „alte Hasen“, Kenner und Macher der Radiobranche sprechen darfst, geht es gar nicht mehr besser!

Der Sender 94,3 rs2, dessen Redaktionsteam aus knapp 20 Mitarbeitern besteht, sitzt in der oberen Etage des Einkaufszentrums Schloss Steglitz, gemeinsam mit den Radiosendern Berliner Rundfunk 91.4 und 98.8 KISS FM.

Wir treffen auf den „alten Ami“ Rik De Lisle und die neue Morgenmoderatorin Gerlinde Jänicke, die seit Anfang des Jahres im Sender ganz schön Staub aufwirbelt.

Doch für einen Moment möchte ich Euch auf eine Reise in die Vergangenheit mitnehmen. Spontan fällt mir bei Rik der amerikanische Rundfunkversorger AFN ein, der für die Streitkräfte der Vereinigten
Staaten gegründet wurde. Rik De Lisle hat eine unverwechselbare Stimme, die im früher geteilten Berlin zwar ungewöhnlich war, von
den Meisten aber als ziemlich cool empfunden wurde. Sein Akzent hat über Jahrzehnte hinweg die Radiolandschaft geprägt. Er hat uns den Soul und den Funk der 80er Jahre näher gebracht. Durch ihn bin ich zur Musikliebhaberin von GAP Band, Marvin Gaye, Grandmaster Flash,
Kool and The Gang oder Keith Sweat geworden. Euch fallen bestimmt noch mehr ein! Sein Wortwitz weckte ab „fuuunf Uhr“ die Zuhörer. Unvergessen seine typische Ansage: „Hier ist Rik De Lisle, der alte Ami.“

943-rs2 - Radio 10

Rik de Lisle (http://fotografie.bea-boehm.de/)

 

Er ist ein Urgestein der Radiobranche, das etliche Stationen hinter sich hat. Über ein Jahrzehnt war er beim damaligen RIAS2 tätig und wechselte 1993 zum Privatsender 94,3 rs2. Dort ist er seit April 2014 wieder Programmdirektor.

Dass ich ihm einmal begegnen würde, hätte ich nie gedacht. Jetzt sitzt er vor mir! Und mit ihm die neue Morgenmoderatorin Gerlinde Jänicke.

943-rs2 - Radio 24

Gerlinde Jänicke im Studio (http://fotografie.bea-boehm.de/)

Zu Gerlinde: In ihrem 94,3 rs2 Video-Tagebuch sagt sie von sich selbst, sie wäre laut, albern, hätte „nen Knall“ und ihre Art wäre für manche wohl gewöhnungsbedürftig. Ja, schaut mal selbst.
Zuerst kann der Eindruck einer „kühlen Blondine“ schon entstehen. Doch auf den zweiten Blick ist sie das ganz und gar nicht! Man erkennt recht schnell den warmen und sehr herzlichen Kern. Auch Gerlinde ist in der Radiobranche groß geworden und – sie möge mir die Wortwahl verzeihen – zählt zu den Urgesteinen. Sie hat die wohl bekannteste weibliche Radiostimme. Gerlinde hat bei 94,3 rs2 im Jahre 1993 als Volontärin angefangen, später dann beim Berliner Rundfunk 91.4 weitergemacht. Sie produzierte 2003 „Gerlindes Weekend Radioshow“ auf 89,0 RTL. Von 2004 an moderierte sie auf 104,6 RTL den „Supersamstag“ und „Supersonntag“. Zudem hat sie mit Thomas Koschwitz gemeinsam die Morgensendung „Arno und die Morgencrew“ in deren Urlaubszeiten übernommen.

943-rs2 - Radio 19

na gut, auf dem Foto sehen Rik und Gerlinde nicht ganz so fröhlich aus….aber das täuscht..wir haben viel gelacht. Die beiden sind ein „Kiek und ein Ei“… :-) (http://fotografie.bea-boehm.de/

Nun zurück zum Interview:
Die beiden kommen fröhlich in die gemütliche Sitzecke des Senders. Der Tisch ist für uns schon liebevoll mit Gummibärchen und Nüssen ausgestattet. Die Begrüßung ist freundlich und es dauert auch nicht lange – wie gesagt, wir sind bei einem Radiosender – und wir plaudern eifrig drauf los. Die erste Frage, die mir unter den Nägeln brennt:

Gerlinde, wie kam es dazu, dass du zu 94,3 rs2 gewechselt hast?

Das war ganz eigenartig, ich befand mich in einer Phase, in der ich wusste, dass sich etwas verändern musste. Allerdings wusste ich nicht was. Mir ist absolut nichts eingefallen. Wenn ich mich in solch einer Situation befinde, lass‘ ich diesen Gedanken meist ruhen im Vertrauen
darauf, dass sich etwas ergeben wird. Und wirklich: Keine 2 Tage später rief Rik mich an und fragte, ob ich nicht Lust auf eine eigene Sendung hätte. Spontan habe ich ja gesagt. Erst später habe ich gefragt, wie oder was er sich darunter eigentlich vorstellt. Das ist typisch für mich. Ich treffe viele Entscheidungen aus dem Bauch heraus.

Was fiel Dir spontan beim Anruf von Rik ein?

Vertrauen, Chance, Neuanfang. Ich war so aufgeregt und wollte einfach nur, dass es los geht. Ich hatte eine ungefähre Vorstellung und das Schöne ist, dass diese dann auch genau erfüllt wurde. Die anfängliche Angst schlug in Wohlgefallen um. Rik lieferte mir wirklich eine tolle Basis für unsere Arbeit. Er wusste genau, wie und wo ich mich am wohlsten fühlen würde. Vergleichbar damit, dass man in sein eigenes Wohnzimmer kommt und alles am richtigen Platz steht. Mir überließ er dann sozusagen die Deko.

Du moderierst die Morgen-Sendung von 5-9 Uhr. Wann stehst du auf?

Morgens um halb 4 ist für mich die Nacht vorbei. Da ist abends bei mir nicht mehr so viel los. Ab 19.00 Uhr fahre ich nach Möglichkeit langsam runter, damit ich am nächsten Morgen im Studio wieder fit sein kann.

Bedeutet das, dass Du kaum noch abends weggehen kannst?

Das ist schon weniger geworden. Du wählst bewusster aus, wo du hingehst. Es muss nicht mehr jede Party sein. Wenn jedoch eine gute Freundin Geburtstag hat, werden Prioritäten gesetzt. Ansonsten gilt für mich: Ich kann ja nicht wie ein Kapitän auf dem Schiff stehen und
dann betrunken – vor Müdigkeit natürlich – über die Reling
fallen. (Wir müssen alle lachen.)

zwischendurch war ich schon mal nervös und musste in meine Notizen schauen. Zwei „Radiomenschen“ auf einmal interviewen…das ist schon uffrejend.. :-)

 

Rik, was gefällt Dir an Gerlinde und warum hast Du sie für die Morning-Show ausgewählt?

Ich habe früher schon mit Gerlinde zusammen gearbeitet und mochte ihre Art und ihren Ideenreichtum. Wir verstehen uns sehr gut und als absolute Powerfrau war sie für uns genau die Richtige. Sie passt einfach sehr gut in unsere „Radio-Familie“.

Rik, wenn du die Radiolandschaft der „alten Zeiten“ mit den heutigen Gegebenheiten vergleichst, was fällt dir dazu ein?

Die Welt ist einfacher geworden. Die Menschen trennen sich nicht mehr ab und hören nicht nur ein Musik-Genre. Frage heute mal jemanden, was er für Musik hört. Die meisten sagen: Ich höre alles ganz gerne.

Früher kannte man fast jeden Sänger oder Band und die dazugehörigen Songs und Stories. Ist das heute überhaupt noch möglich?

Nein, das ist heute auf jeden Fall anders. Zu Zeiten der Beatles und der Stones, hatte man eine ganz andere Beziehung zu einer Band. Es ist wie
mit den Automarken, die man früher kannte – heute gibt es so viele, dass man recht schnell den Überblick verlieren kann.

Ist das jetzt positiv oder negativ?

Das ist toll. Wir können uns aussuchen, was uns gefällt und jeder kann sich seine Vorlieben durch die große Bandbreite selbst gestalten. Früher
haben wir für mehr Freiheiten gekämpft. Heute haben wir sie! Es ist schade, dass manche dies nicht zu schätzen wissen.

Gerlinde verrät nebenbei, dass Rik bis heute mit Kopfhörern ins Bett
geht – eingeschaltet natürlich 94,3 rs2.
Ist das wahr, Rik? Ja, na klar! Ich kann gar nicht anders. Das habe ich schon immer gemacht. Sollte es irgendein Problem geben, muss ich das sofort wissen. Wenn Du für etwas verantwortlich bist, dann mit vollem Einsatz. Seit 1984 bin ich selbständig. Die Selbständigkeit hat viele Vorteile. Endlich bin ich mein eigener Herr, sagte ich mir damals. Doch ich trage auch eine große Verantwortung für die Menschen um mich herum. Oftmals stehst du da und fragst Dich, soll ich das machen oder nicht. Wenn Du etwas ablehnst könnte es sein, dass es ein anderer
macht. Du musst auf dem Laufenden bleiben, kreativ sein, Ideen umsetzen und das immer.

Wie würdest Du Euer Team beschreiben, Rik?

Wir sind ein friedliches, freundliches und sehr ambitioniertes Team. Das ist hier wie eine große Familie.

Nach welchen Kriterien werden bei Euch die Mitarbeiter ausgewählt?

Das ist bei uns ganz unkompliziert. Wenn Du Talent hast, klug, fit und arbeitsfähig bist, dann schauen wir nicht ob Du ein Studium oder Abitur hast. Wichtig ist für uns, dass das gemeinsame Arbeiten Spaß macht.

Gerlinde, wie würdest Du die Arbeit mit Rik beschreiben?

Inzwischen kenne ich ja Rik auch schon sehr lange. Wir scherzen hier immer und sind wie eineiige Zwillinge. Rik fängt einen Satz an, ich beende ihn. Das passt super. Wir wollen gemeinsam ein Zeichen setzen und alles entwickelt sich hier gerade sehr organisch. Das macht sehr viel Spaß! Ich bin mit vollem Herzblut dabei und so kann es schon einmal passieren, dass ich irgendwo sage: „Hey, Du hörst den falschen Sender, ich komme nur wieder, wenn Du den richtigen hörst!“ Glücklicherweise können die Berliner das ab und kommen ganz gut mit meiner flapsig-saloppen Art klar.

Für unseren Sender und auch für die Menschen glaube ich fest daran, dass sich das Gute von innen nach außen durchsetzt!

943-rs2 - Radio 02

Rik de Lisle…http://fotografie.bea-boehm.de/

 

Rik, wie reagieren die Leute auf Dich, wenn sie dich sehen?
Das Witzige ist, dass zu mir noch nie einer „Herr De Lisle“ gesagt hat. Die Berliner sind recht relaxt. Oftmals sagen Sie zu mir: „Hey, Du bist doch der alte Ami, Rik De Lisle“ und da freu ich mich dann auch richtig drüber.

Unübersehbar: Sowohl Rik De Lisle als auch Gerlinde Jänicke leben und lieben den Sender wirklich. Für mich macht es den Eindruck, dass Gerlinde hier schon ewig dabei ist. Für uns war es spannend zu sehen, dass der Sender sich offensichtlich einiges vorgenommen hat. Für ein reales Radio-Empfinden werden die sozialen Netzwerke und die heutigen Online-Medien genutzt.

Der Sender bietet viele Videos an, die den Radio-Alltag greifbar machen. Und alle Geschehnisse lassen sich natürlich auch auf Facebook und Twitter verfolgen. Das Video-Tagebuch von Gerlinde ist wirklich sehr authentisch. Ungeschminkt werden Themen angesprochen, die sie privat betreffen oder als Radiomoderatorin bewegen. Ob in einer Konferenz mit Kollegen oder beim Chef oder sogar mit uns, die Kamera ist immer wieder ganz spontan mit dabei. Damit zeigt der Sender seinen Hörern den ganz normalen Alltagswahn, der bis dato ja immer nur zu
hören war. Sozusagen Real-Radio. Was mich persönlich beeindruckt – auch in den Videos gut zu erkennen – hier menschelt es sehr. Hier wird Blödsinn gemacht, viel gelacht und dennoch nicht vergessen, dass wir es jeden Tag mit Menschen zu tun haben, die ihre eigenen Geschichten und Emotionen haben. Offen, auch mal sehr tiefsinnig, lustig und immer authentisch – hier wird kein Blatt vor dem Mund genommen.

Auch wir als Gäste fühlten uns herzlich in der „Familie“ aufgenommen. Vielen Dank dafür! Unser Tipp für authentisches Radio: Einfach mal im Video-Blog  einige Aufnahmen anschauen und natürlich 94,3 rs2 hören.
Eine letzte Frage musste es noch sein.

Gerlinde, du warst doch letztes Jahr im Dschungelcamp als Begleitung von Julian F.M. Stöckel dabei. Warum hat man Dich in keiner der Aufnahmen gesehen? Wahrscheinlich, weil
ich keine Lust hatte etwas Schlechtes oder Gemeines zu sagen. Ich verwehre mich dagegen, etwas zu sagen, was ich nicht wirklich so meine, nur um das Publikum zu unterhalten. Immerhin muss ich solch blöde Aussagen dann vor den Leuten verantworten. Nur für den „Ruhmfaktor“ lohnt es sich meiner Meinung nach nicht, andere zu verletzen.

Wer Gerlinde sagt, muss auch Jänicke sagen….:

 

Ja, dazu ist dann wohl nichts mehr hinzuzufügen. Authentisch ist und bleibt wohl das Schlagwort dieses Treffens. Mit einem guten Gefühl verabschieden sich unsere Fotografin Bea Böhm und ich von diesem fröhlichen Interview!

Vielen Dank auch an Patrick Meyer von kiez.report und
an 94,3 rs2 für diese absolut spontane und völlig unkomplizierte
Realisierung des Interviews! Autor: Anita Tusch
www.rs2.de

P.S. Vielen Dank an die Fotografin Bea
Böhm, die spontan das Interview begleitete und die Fotos gemacht hat!
www.bea-böhm.de

 

Keine Antworten zu "Die Frontfrau und der alte Ami"

    Hinterlasse einen Kommentar

    Die Email-Adresse wird nicht veröffendlicht.