Das Gefühl nichts zu brauchen, ist ein schönes Gefühl – Joachim Klöckner

Wenn wir auf Menschen treffen, die anders sind, flößt das oftmals bei vielen Angst oder Misstrauen ein. Ich traf auf einer Veranstaltung einen Menschen, der anders ist, dies konnte ich im ersten Gespräch schon bemerken. Joachim Klöckner, anders …. – denn er möchte am Liebsten in einem Scube wohnen.

Wir haben über Scube-Parks schon berichtet. Die am Columbiadamm befindlichen Holzwürfel, die das Camping modernisieren und ein neues Feeling des kurzen Übernachtens komfortabel ermöglichen bzw. ideal für Touristen, die Berlin durchlaufen sind.
Natürlich fand ich das im ersten Moment skurril und fragte mich, wie kommt jemand auf solch eine Idee dort dauerhaft wohnen zu wollen? Meine Neugier lernte mich einen Menschen kennen, der nachdenklich stimmt. Joachim Klöckner ist 63 Jahre alt, Single, hat einen Sohn und wohnt derzeit in einer möblierten 1-Zimmer-Wohnung. Möbel besitzt er nicht, denn er beschränkt sich auf die wichtigen Dinge im Leben. In seinem Besitz sind weniger als 100 Dinge. Wie es dazu kam, möchte ich Euch hier erzählen: Über 30 Jahre war Joachim selbständig. Als ursprünglich gelernter Maschinenbauer sattelte er nach 5 Jahren Maschinenbau und zwei Jahren Hausmann zum Energieberater um und übte diese Tätigkeit 15 Jahre lang aus. Auslöser für diesen Job- und Sinneswandel war 1986 das Unglück in Tschernobyl. Durch diesen katastrophalen Unfall stellte sich ihm die Frage: „Können wir uns diesen sorglosen Umgang mit Atomkraft eigentlich leisten?“ Er konzentrierte sich auf alternative Ideen, besuchte Veranstaltungen, bildete sich weiter und wurde so
zum erfahrenen Energieberater.

Nach ca. 10 Jahren Tätigkeit folgte das nächste Schlüsselerlebnis, welches Joachim als Weggabelung eines weiteren neuen  Lebensabschnitts zum Anlass nahm. Joachim bekam den Auftrag in 30 Getreidelagerhäuser eine Optimierungssteuerung in eine
elektrische Schaltanlage einzubauen. Das Ziel war Energie und Kosten zu reduzieren. Bei 30 Lagerhäusern gab es selbstverständlich auch 30 Betriebsführer und diese traten sehr unterschiedlich dieser Neuerung entgegen. Die eine Hälfte sah einer Innovation positiv entgegen, die andere Hälfte eher skeptisch und ablehnend. Im Laufe von 2-3 Jahren nach Auftragsdurchführung konnte er beobachten, dass diejenigen die bei Ausführung positiv eingestellt waren mit weiteren Neuerungen und Vorschlägen kamen. Die andere Hälfte, die eher skeptisch und ablehnend gewesen ist, beschwerte sich und meldete Fehler. Er kam zu dem Ergebnis: Das hat gar nichts mit Technik zu tun, sondern mit den Menschen und ihrer Einstellung.

Seine Konsequenz daraus: Er verließ die „technische Seite“ seines Lebens und verbrachte die nächsten Jahre als Projektbegleiter, Berater und Coach in Unternehmen. Er bildete sich weiter und beschäftigt sich bis heute mit dem Thema Hirnforschung und den Themen „wie kommt Neues in den Kopf?“.

Doch was brachte ihn dazu so minimalistisch – also mit wenigen Dingen zu leben? Ein Umzug mit einem „Mini“ brachte ihn zum Minimalismus. Der Kofferraum war voll, den meisten Platz nahm eine Taucherausrüstung ein. Er stellte sich die Frage: Was ist eigentlich wirklich notwendig im Leben? “ Ein uns allen bekanntes Sprichwort, welches besagt: „Alles was ein Jahr lang nicht angefasst
wurde – wegschmeißen“ – kam ihm in den Sinn. Und er fing an zu entrümpeln. „Das Gefühl, nichts zu brauchen, ist ein schönes Gefühl“, erzählt er.

 

Ich nehme es ihm ab, denn er wirkt zufrieden, glücklich und ausgeglichen. Aber was braucht der Mensch denn nun wirklich zum Leben? Diese Frage beschäftigte mich und ich wollte wissen, was er denn besitzt und was für ihn die wichtigen Dinge des Lebens? Ganz spontan – und ich musste echt schmunzeln, damit hatte ich nie gerechnet – war die erste Antwort: „Mein iPad, ist wichtig, damit kann ich kommunizieren, fernsehen, Musik hören, Bücher lesen, Podcasts hören, Filme und Bilder machen – also mit der Welt verbunden sein.
Seit zehn Jahren zieht er nur mit Handgepäck um, darunter befinden sich z.B. 2 Anzüge, 1 Sommerhose, 8 Hemden, 1 Wintermantel, Ein paar Schals, 1 Regenmantel, 2 Klappzahnbürsten, 1 Multitool und eine Silikonschüssel für sein Lieblings-Müsli. Ich bin immer noch irritiert. Was ist denn nun wirklich wichtig im Leben? Es kann ja nicht das iPad sein! Wahrscheinlich für jeden Menschen etwas anderes und bei Joachim kann man nach intensivem Gespräch herausfinden, was für ihn nicht nur wichtig, sondern auch das wahre Leben ist.

Es sind die Menschen. Ich glaube, er schenkt jedem Menschen, dem er gegenübertritt absolute Aufmerksamkeit und er ist neugierig. Aber nicht in unangenehmer Weise – er nimmt wahr, lebt jeden Moment des Tages aus und ist präsent. Wir philosophieren stundenlang über das Leben, sprechen über Kindheit, Erziehung, Lebenseinstellungen und die verdammten „alten Verhaltensmuster“, die wir so schwierig loswerden. Er steht für Autonomie und Verbundenheit und wünscht sich mehr Offenheit und dass wir Menschen in ihrer Andersartigkeit erkennen und achten.

Vor kurzem erst war er auf einer Veranstaltung für IT-Startups und überall wo er ist, beobachtet und spricht er mit den Menschen. Er stellt fest, die jungen Leute von heute pfeifen auf das, was ihnen gelehrt wurde, in den Medien steht oder gar in Zeitungen  kommuniziert wird. Sie machen das, wozu sie Lust haben und gehen eigene Wege. Das stimmt ihn positiv. Durch sein „unterwegs sein“ und die Beobachtungen, sieht er andere Dinge als wir im schnellen Alltag wahrnehmen. Er spricht positiv über unsere Jugend! Hören wir selbst doch gar viel zu oft andere oder uns selbst oftmals auf die Jugend schimpfen. „Früher war alles anders, wir waren nicht so!“ Stimmt das denn wirklich? Oder ist das nur unsere Wahrnehmung, die uns von anderen oder gar von den Medien eingetrichtert
wird. Ist es ein altes Verhaltensmuster auf die Jugend zu schimpfen? Erinnert Ihr Euch an Eure Eltern, die haben auch schon auf „unsere“ Jugend geschimpft. Sollten wir nicht besser wahrnehmen, wie „unsere Jugend“ wirklich ist und was sie leistet!?

Joachim lebt seine Neugier aus und macht dabei wohl die spannendsten und wahrscheinlich realsten Entdeckungen. Sein Wunschtraum ist ein Auftrag zu erhalten, der es ihm ermöglicht durch Europas Städte zu reisen – im Winter natürlich in Südeuropa. Er möchte spüren, erleben, wahrnehmen und wieder erzählen. Am Liebsten möchte er ein interaktives Buch mit Bildern und Filmen machen, die seine Reise dokumentiert. Vielleicht unter dem Titel “Unterschiede sind Reichtum“ oder „Neugier ist die stärkste Kraft“. Er sagt zum Abschluß unseres Gespräches: „Anita, Menschsein ist das Spiel zwischen Autonomie und Verbundenheit.
Ich freue mich jetzt schon auf ein erneutes Treffen mit ihm und seine Beobachtungen und Eindrücke, die er tagtäglich auf den Straßen Berlins einsammelt. Ob Joachim letztendlich die Möglichkeit bekommt am Columbiadamm in einem Holzwürfel leben zu dürfen, haben
wir erst 3 Tage vor dem Drucktermin in Erfahrung bringen dürfen. Es hat geklappt! Er freut sich sehr. Und wer mit ihm über das Leben, Minimalismus oder „mehr Mensch sein“ philosophieren möchte, schaut einfach mal vorbei.

Kontakt:
Joachim Klöckner: jk49(at) me.com,
Twitter: @ergraut

2 Antworten zu "Das Gefühl nichts zu brauchen, ist ein schönes Gefühl - Joachim Klöckner"

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    anita peters 14. Jan.uar 2016 (00:23)

    lieber Joachim
    ich habe heute deine sendung gehört und mich gefreut. das buch, wo du dem verfasser als denkpartner dienst, interessiert mich, ich möchte es lesen, wenn es fertig ist.
    ich lebe in bayern und bin an der grenze zum messie. deine beiträge waren für mich wichtig.
    ich will das auch, aber ich kann nicht sooo gut mit dem computer umgehen. danach wird es gehen dass ich alles mir wichtige in dem ding drin hab so wie du. ich freue mich, von dir auf meinem weg vorwärts gestupst worden zu sein.
    vielleicht telefonieren wir mal. 08642 7343783 liebe grüsse
    anita

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