Inspiration – im Gespräch mit Britt Kanja

Sie ist Stil-Ikone, Künstlerin und Mitbegründerin des ehemaligen Clubs 90 Grad, Kunst-, Mode- und Kultur-Liebhaberin sowie eine philosophische Elfe. Eines ihrer Lieblingswörter „Insouciant“ ist Teil ihrer Lebensphilosophie. Aktuell hat sie gerade ein Shooting mit dem Modeblogger Ari Seth Cohen für sein Buch „Advanced Style“ hinter sich. Er gibt fortgeschrittenen Ladys eine Bühne und vertritt die Meinung, dass gute Looks vielleicht sogar das Leben verlängern. Wegen Britt ist er extra nach Berlin gekommen. Gereifte Damen, die mit Extravaganz und Eleganz Blicke auf sich ziehen sucht und findet er oftmals in den Metropolen. Britt ziert in seinem nächsten Buch das Cover. Sie ist in den sozialen Netzwerken beliebt, bekannt und gilt bis heute als die Grand Dame des Berliner Nachtlebens

Vor über einem Jahr traf ich erstmals Britt Kanja. Der erste Gedanke, der beim Anblick dieser Frau in meinen Kopf schoß war: „wie inspirierend sie doch ist!“

Britt Kanja (67) zu treffen, mit ihr zu sprechen und gemeinsam Zeit zu verbringen, katapultiert dich sofort in eine andere Welt. Es ist ein Gefühl, welches dich veranlasst einfach mal inne zu halten und du hast sofort Lust, ihr zuzuhören. Sie verkörpert einen Lebensstil, der Freude, Eleganz und mit sich Eins-Sein ausstrahlt. Wir treffen uns im Grosz am Ku`Damm. Es fiel auf, dass sich alle Köpfe scheinbar unauffällig in ihre Richtung drehten, als sie die Räumlichkeiten betrat. Klar, sie sieht schon sehr außergewöhnlich aus, Auffällig, extravagant, besonders – anders! Zu gerne hätte ich jeden Einzelnen gefragt, welche Gedanken sich denn gerade in den Köpfen festgesetzt haben. Britt sieht in natura aus wie auf den Fotos. Zart, irgendwie zerbrechlich und doch sehr ausdrucksstark. Wie eine wundervolle kleine Elfe, schwebt sie an mir vorbei, fast so als wäre sie gerade auf dem Weg, jemandes Wunsch erfüllen zu wollen. Sie sieht mich nicht gleich, doch als sie mich entdeckt fängt mich ihr Lächeln ein.

 

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Foto: copyright Fiona Bennett

Britt, mir fällt es schwer, diese Frage richtig zu formulieren, aber wann und wie hast Du gemerkt, dass Du „anders“ bist?Britt muss lachen... Das war schon recht früh, mit 14 Jahren bemerkte ich, dass ich expressiv bin.

Was bedeutet das? Das heißt, dass ich schon damals sehr ausdrucksvoll und ausdrucksstark war. Meine Kleidung war anders. Das lag aber eher daran, dass ich schon immer eine zierliche Gestalt hatte und was Kleidung anbetraf viel improvisieren musste. Auf keinen Fall wollte ich meine Kleidung aus der Kinderabteilung wählen. So entschloss ich mich schon in jungen Jahren in Geschäften zu stöbern, die in Richtung Vintage-Style führten. Nähen war damals auch keine Stärke von mir, denn ich malte lieber die Beatles auf T-Shirts. …und lächelt spitzbübisch in meine Richtung... da wurde dann alles unsichtbar mit Sicherheitsnadeln passend gemacht.

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Foto: copyright Verena Eidel

Ich musste mich früher immer an einen gewissen Kleidungsstil halten, wie war das bei dir zu Hause? Wenn mir eine Farbe nicht gepasst hat, habe ich das Kleidungsstück zum Leidwesen meiner Mutter einfach ignoriert. Da ich mich eher wie ein Junge bewegte, war mir wichtig, dass die Bekleidung rollschuh-, baum- und torfest war, denn ich kletterte zu gerne auf Bäume und war als Torwart unschlagbar. Aber Farben, Formen und Materialien haben mich schon damals fasziniert.

Was glaubst Du hat Dich geprägt? Ich habe viel Glück mit meiner Familie gehabt, jeder Einzelne in unserer Familie hat die Freiheit erhalten der oder die zu sein, was man im Innersten ist. Als ich 14 Jahre alt war, sagte meine Mutter zu mir: „Britt, pass auf, ich gebe Dir jetzt all Deine Freiheiten. Du darfst nach Hause kommen, wann Du möchtest. Du bist jetzt für Dich selbst verantwortlich und musst Deine Grenzen selber finden.“ Dafür liebe ich sie noch heute. Die Summe aller Erfahrungen in meinem bisherigem Leben, Bewusstheit und Gefühlswissen – verfeinerten sich zu kleinen Schätzen, die mich jedes Jahr aufs Neue prägen.

Mit 14 machen, was man möchte. Das ist der Traum vieler Jugendlichen. Wie bist du mit diesen Worten umgegangen? Ich fing an zu überlegen, was ich mit der soeben gewonnenen Freiheit und Eigen-Verantwortung anfangen könnte. Für einen Freund fand ich mich noch zu jung. Eigentlich wollte ich nur tanzen. Westberlin war in den 60er Jahren das Gay-Zentrum schlechthin. Bars und Cafés gab es zur Genüge. Sehr gut kann ich mich noch an eine Gruppe Gays erinnern, die mich damals sofort „adoptiert“ hatten. So lernte ich von brasilianischen Tänzern und dann von der damals besten holländischen Ballett- und Jazz-Tänzerin, Marianne Kipp, das Tanzen und gab mich dieser Leidenschaft völlig hin.

Kommst Du denn eigentlich aus Berlin? Ja, ich bin in erst in Rehberge, im Sommer in Saatwinkel am Tegeler See und später in Zehlendorf aufgewachsen.

Du hast u.a. am Schiller-Theater getanzt, kannst Du Dich noch an Deinen ersten Auftritt erinnern? Oweeh, ja, da kann ich mich noch ganz genau erinnern. Meinen ersten Bühnen-Auftritt, gemeinsam mit meinem damaligen Tanzpartner, werde ich nie vergessen. …und muss lachen… Wir haben beide nach drei Minuten die komplette Choreografie vergessen. Ich fühlte mich wie das Kaninchen vor der Schlange. Bis heute könnte ich Dir nicht erzählen, was wir den Zuschauern geboten haben. Wir haben übrigens bis zum Ende unseres Auftritts die Choreografie nicht in den Griff bekommen. Bei der Verbeugung war mein Wunsch einfach nur, unsichtbar zu sein. Selten habe ich mich so geschämt, doch das Publikum hatte von alldem gar nichts bemerkt und applaudierte! Es folgten dann fast 10 Jahre in denen ich beruflich getanzt hatte, doch die Choreografie habe ich nie wieder vergessen. Es war eine herrliche Zeit. Wir sind quer durch Westeuropa mit unserem Tanzensemble gezogen und fanden uns alle vier Wochen an einem neuen Ort wieder. Rückblickend finde ich, war es ein einziger Rausch, immer im Zentrum des Geschehens zu sein – eine Schule des Lebens, die mich kosmopolitisch formte.

10 Jahre folgten, sagtest Du. Was passierte nach dieser Zeit voller Reisen und des Tanzens? …sie lächelt…und ich kann es kaum erwarten zu erfahren, wie ihr Leben weiterging. Wir waren sehr häufig in der Schweiz und es kam, wie es so oft im Leben passiert. Ich verliebte mich. In Lugano habe ich meinen Mann kennengelernt. Die Liebe hat das Reisen und ebenso das Tanzen beendet. Zu dem Zeitpunkt war ich 27 Jahre. Da mein Mann aus Amerika kam, zogen wir gemeinsam nach San Diego.

Kannst Du Dich noch an den ersten Moment erinnern, als Du Deinen Mann getroffen hast? Oh ja, er gefiel mir auf den ersten Blick. Ich erinnere mich, dass ich gerade ein sehr interessantes Buch las, sogar den Titel weiß ich noch. Es war „Die Einweihung“ von Elisabeth Haich, das mich sehr bewegte. Der erste gemeinsame Blick blendete sofort alles aus. Die Zeit schien still zu stehen und eine innere Stimme sagte zu mir: „Das ist Er!“ In seinen Augen konnte ich sehen, dass er dasselbe dachte. Das Paradoxe daran war, dass ich diesen Moment zwar wahr nahm, meinen Gedanken aber sofort wieder vergaß. Ungefähr sechs Wochen lang – wir sind uns fast täglich wieder begegnet – nahm ich ihn auf diese paradoxe Weise wahr und genoss im Innersten seine Aufmerksamkeit. Daraus wurden sieben Jahre.

Britt, du bist für mich eine Gesamtkünstlerin, du versprühst so viel Lebensenergie, hast viele kreative Gedanken, was würdest Du jungen Leuten auf ihrem Lebensweg mitgeben? Es gibt vieles mit auf den Weg zu geben. Vieles was erlernbar ist, dennoch glaube ich, wenn wir eine Haltung in warmherziger Präsenz, in Güte, Mitgefühl und Freundlichkeit, in Achtsamkeit und Großzügigkeit pflegen, bereichert es Dein Leben und auch das Deines Umfeldes. Jeder kann seinen Geist trainieren, auch Wohlbefinden ist erlernbar. Sein Selbst zu bilden, das würde ich den jungen Leuten auf den Weg geben wollen.

Hast Du auch schlechte Zeiten durchleben müssen? Das Universum schenkt uns die Nüsse, doch knacken müssen wir sie selbst! Das Leben hat mir viele harte Herausforderungen in den Weg gelegt, die ich annahm. Ich habe dem Leben immer vertraut und daraus erfolgte, was ich „die Magnetisierung der Umstände“ nenne. Jede „geknackte Prägung/Herausforderung“ hat ihre Schätze. Wir steigen um zu fallen und wir fallen um zu steigen.

Viele Menschen urteilen vorschnell über andere, auch über Kleidung, sagen sogar „das trägt man ab einem gewissen Alter nicht mehr“ oder ähnliches. Was sagst Du dazu? Wenn wir mit mehr Liebe durch das Leben gehen würden, gäbe es solche Gedanken des „Verurteilens“ gar nicht. Jedes Vorurteil, verursacht durch Ignoranz, sollte entblößt werden. Vielleicht könnten wir dann die Fesseln der Gewohnheit von konventionellen Eingrenzungen verbannen. Über die Art der Kleidung antworte ich frei nach dem Alten Fritz: Jedem wie es ihm gefällt. Ich liebe Handarbeit, komplementiere meinen Style und meine Garderobe. Ich kann nur jeder Frau raten: Finde die Farben, die Dich zum Leuchten bringen.

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Foto: Copyright Ari Seth Cohen von Advanced Style

Du bist jetzt 67 Jahre und machst auf mich so einen frischen und lebensfrohen Eindruck. Wie machst du das? ...sie lächelt… Im Kopf bleibe ich immer um die 30 – ich denke, die meisten – und mit erweiterter Lebenszeit gewinne ich an Gelassenheit, Freude und Gemeinschaftsfähigkeit. Es ist wohl die stetige Wandlung, die frisch erhält.

Du bist ganz schön aktiv in den sozialen Medien, vor allem auch erfolgreich auf Instagram. Was bedeutet das für Dich? Für mich ist Instagram ein Strom des Empfangens und Gebens. Eine Unbegrenztheit an Energie mit Neigung zum selbständigen Wirken. Hier kann ich konstruktive Gedankenkeime hinterlassen. Solange mich die Kreativität umgarnt, fi ndet sich ihr Werk auf Instagram.

Du hast mir gesagt, dass INSOUCIANT eines deiner Lieblingswörter ist, was bedeutet es? Insouciant bedeutet unbekümmert und sorgenfrei, gelassen zu sein. Ich vertraue dem Leben, das mir das gegeben wird, was ich brauche – und manchmal schenkt es mir noch mehr.

Was fällt Dir spontan zum Thema Beziehung spontan ein? Eins zu werden und Zwei zu bleiben! Liebe ist unkonventionell, ohne Vorurteil, frei von nutzlosen Gewohnheiten. Sie ist ebenso bedingungslos und somit ein wahrhaftiges Geschenk für jeden, den sie küsst.

Das Wichtigste im Leben? Die stärkste Antriebskraft des Lebens ist das WIR. Ich bin mir sicher, die Gemeinschaft ist der Sinn des Seins. Das WIR, ist die stärkste Kraft, die Menschen besitzen. Vertrauen zu sich selbst und zu anderen zu finden ist eines der wichtigen Voraussetzungen. Ein Leben in Vertrauen, das mit dem Wissen des Allgemeinwohls verbunden ist. Miteinander im Einklang zu sein bringt Verbundenheit und Wohlbefinden und gewiss auch Gelassenheit mit sich. Aber auch Bereitwilligkeit, Freude und Enthusiasmus sind gute Wegbegleiter im Leben. Seine Absichten der Güte zu widmen ist eine seelische Haltung – die das Bewusstsein, den Verstand und die Gefühlswelt bereichern.

Was fällt Dir spontan zum Thema Inspiration ein? Gegenseitige Inspiration ist ein Geschenk für Jeden.

Ganz lieben Dank für das Interview und die Zeit, die Du Dir genommen hast, liebe Britt!

Autor: Anita Tusch

Noch mehr Inspiratives findet ihr unter: www.facebook.com oder  www.instagram.com/britt.kanja

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