Bewahre dein letztes Geheimnis

Wir waren eine große Runde von bestimmt 30 Leuten, doch als Jana Malin anfing zu sprechen,  bemerkte jeder die Besonderheit dieser Frau. Wir waren still und lauschten ihrer Stimme und den Erzählungen. So kam es dazu, dass jetzt auch ihr ein Stück von der Faszination, die sie damals auf uns alle ausübte, an Euch weitergegeben werden kann.

Jana und ich sitzen zusammen in Steglitz. Sympathisch waren wir uns von der ersten Minute, somit brauchten wir keine Aufwärmzeit für unser Gespräch. Sie erzählte mir, dass sie in Graz/Österreich aufgewachsen ist. Schon in jungen Jahren hatte sie eine enge Verbindung zu Tieren. Das prägte Jana für ihr weiteres Leben. Ihr Hobby waren schon immer Wildtiere sowie in Wildparks ihre Geschichten zu beobachten und zu fotografieren. Gleichzeitig ging sie immer ihrer Leidenschaft der Malerei nach. Jana hat Bildungswissenschaften studiert und sich auf die Erwachsenenbildung spezialisiert. Doch das füllte sie nicht aus. Eine lange Zeit hatte sie eine innere Unruhe verspürt. Sie war permanent auf der Suche nach dem richtigen Weg. Sie wusste nur, ihr fehlt etwas. Doch was? „Ich wusste einfach nicht, was ich suche. Das hat mich fast verrückt gemacht. Der Leidensdruck wurde immer größer, bis ich beschloss in ein Zen-Zentrum zu gehen. Dort war ich mit Unterbrechungen insgesamt drei Monate und kam  endlich mal zur Ruhe. Vor Ort gab es keine externen Einflüsse und ich konnte endlich Ruhe und zu mir selbst finden.“ Nach dieser Zeit machte sie einen Workshop für Fotografie im Gesäuse und bekam dort den Hinweis doch mal Wölfe zu fotografieren. Diese Begegnung sollte ihr ganzes Leben verändern. Sie war so fasziniert von diesen Tieren und wünschte sich nur eines – sich den Rest ihres Lebens mit Wölfen beschäftigen zu dürfen. Im ersten Moment war diese Entscheidung fatal, alles was bisher Bestand in ihrem Leben hatte, zerfiel mit dieser Entscheidung. Sie musste alles auf Null setzen, denn sie entschied sich für eine völlig neue Lebensweise.

Jana Malin u. Anita Tusch Jan2016

v.l. Jana Malin und Anita Tusch

Sie erzählt: „Ich hatte so sehr das Bedürfnis in die Welt der Wölfe einzutauchen – und somit wurde das Leben der Wölfe zu meinem Leben. Keine zwei Monate später fand ich mich im Yellowstone Nationalpark wieder. Ich bin  einfach losgefahren. Es war Mitte Februar, meterhoher Schnee und -20 Grad. Dort lernte ich Rick kennen, er lebt bereits seit 25 Jahren im Yellowstone, ist jeden Tag stundenlang in der weißen Eiswüste unterwegs. Ich begriff schnell, als zivilisierter Mensch bist du da draußen nicht lebensfähig. Alles lag unter einer tiefen weißen Schneedecke begraben. Jeder Schritt konnte zum Verhängnis werden. Doch diese Ruhe ließ mich nicht mehr los. Für mich war es wie eine Mission – die bis heute anhält – einen Beitrag zu leisten, die Menschen für die Wildnis zu begeistern. Denn  das was man liebt, wird man nicht zerstören.

Wie ist denn das Leben der Wölfe, Jana? Es ist ziemlich rau, aber Wölfe können auch sehr sanft sein. Bei  längerer Beobachtung bemerkst du, dass alles einen Sinn macht. Der Umgang der Wölfe ist sehr würdevoll. Wenn Sie zum Beispiel auf Jagd gehen, geht alles furchtbar schnell und ist auch sehr brutal – und doch – es ist respektvoll. Ich hatte mal erlebt, wie ein Wolfsrudel nach dem Fund eines Kadavers eine Woche lang „gefeiert“ hat. Sie müssen nicht unbedingt zur Jagd gehen. Sie tun es, weil sie Hunger haben. Und jedes Mitglied im Rudel ist wichtig. Einmal wurde ein Wolf verletzt, er wurde mit Nahrung versorgt und mit viel Zuneigung richtiggehend gesund gepflegt. Ihr Sozialleben ist sehr komplex. Es suchen und finden sich auch immer zwei Leitwölfe mit gegensätzlichen Fähigkeiten. Auf diese Weise erweitern sie ihr Handlungsspektrum. Die monatelangen Beobachtungen wild lebender Wölfe haben neben Bildern tiefe Einblicke in das leidenschaftliche Leben dieser beeindruckenden Tiere ermöglicht. Mit all ihren Widersprüchen, die Wölfe in sich vereinen, symbolisieren sie für mich die Leichtigkeit des Seins in seiner härtesten Form. Wölfe wissen um ihre Kraft und Verwundbarkeit und sie bewahren ihr letztes Geheimnis.

Bekommt man nicht eine gewisse Nähe zu den Tieren, wenn man sie lange Zeit begleitet? Seelisch auf jeden Fall. Sonst soll man sie auf jeden Fall in Ruhe lassen. Sie brauchen ihre natürliche Scheu vor dem Menschen. Das ist zum Schutz für Menschen und Wölfe. Auch im Yellowstone sollte man unbedingt Distanz bewahren, denn hinter den Grenzen des Parks lauern die Trophäenjäger. Für mich ist der Yellowstone ein Paradies, doch du musst aufpassen, dass du nicht eine verzerrte romantische Vorstellung erlangst. Wir reden hier von der Wildnis.

Wann fährst du wieder hin? Zunächst habe ich geplant nach Finnland zu reisen. In einer abgeschiedenen Region ist das Leben noch unberührter als im Yellowstone. Ich liebe es, in die Stille zu gehen.

Was machst Du, wenn Du wieder in Berlin bist? Neben dem Erzählen meiner Geschichten widme ich mich vor allem der Kunst. Malerei und Fotografie sind meine Leidenschaften. Nach dreijähriger Suche habe ich endlich die Lösung für die Wolfbilder gefunden. Der Druck erfolgt jetzt auf rostigen Eisenplatten, die einige Wochen im Freien lagen. Die spezielle Behandlung der Bilder und der durchdringende Rost fügen sich als Gesamtbild zusammen, das wie Malerei seine Einzigartigkeit bewahrt. Ein Bildband mit Inspirationen aus dem Leben der Wölfe, der mich die letzten fünf Jahre begleitet hat, ist auch gerade fertig geworden. Ich hoffe, dass das Buch demnächst veröffentlicht wird.

Was würdest Du sagen, ist dein Fazit aus dieser Zeit, bzw. was kannst Du uns mit Deinen Erfahrungen mit auf den Weg geben? Es ist unglaublich, was man schaffen kann, wenn wir unsere Sinne wieder trainieren und uns auf das konzentrieren was ist. Durch die Stille in der Eiswüste habe ich gelernt wieder tiefer wahrzunehmen, genauer hinzuhören, genauer hinzusehen. Da draußen wird einem auch sehr schnell bewusst, dass man nichts unter Kontrolle hat. Und man hört auf mit dem Schwarz-Weiß-Denken. Was für den einen ein Vorteil ist, kann für den anderen ein Nachteil sein. Das spiegelt einem die Natur ununterbrochen wider. Auch das Thema Wertschätzung beschäftigt mich gerade in der heutigen Zeit, wo alles so schnelllebig ist. In der Wildnis lebt man komplett reduziert auf das Wesentliche. Aber ich genieße es auch wieder hier in Berlin in der Stadt zu sein. Wenn Du auf einen Wolf triffst, schaut er durch dich durch. Ich meine damit, er nimmt Dich mit allen Sinnen wahr. Wenn du Glück hast, findest Du diese Wölfe auch in der Stadt…und muss grinsen…!

Mehr Infos zu Jana Wolin
www.mythoswolf.com

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