Berlinstagramm – Der große Seher

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Einen Interviewtermin mit Michael Schulz zu vereinbaren ist nicht ganz einfach. Der Mann ist beruflich eingespannt und kaum aus dem Büro zu locken. Hinzu kommt seine Beschäftigung mit Berlinstagram. Als Entwickler dieses privaten iPhoneography-Projekts streift er täglich durch Berlin nach Fotomotiven, für die er nicht nur den Blick hat, sondern auch den  passenden Ausschnitt findet.

Mit Bildbearbeitungs-Apps editiert er die Fotos auf dem iPhone und bringt sie, in Anlehnung an die Kodak Instamatic und Polaroid-Kameras, in eine quadratische Form. Mit seinem Blick für Details gelingt ihm, so auch von zunächst uninteressant erscheinenden Motiven eine besondere Ansicht einzufangen. Hochgeladen bei Instagram, lassen die Likes nicht lange auf sich warten. Es ist Freitagabend, Michael Schulz erscheint pünktlich beim vereinbarten Italiener, bestellt eine Cola und nimmt sich eine ganze Stunde Zeit für das Gespräch.

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Mononna Ciccone: Schön, dass es endlich klappt. Nimmt Berlinstagram viel Zeit ein? Michael Schulz: Ich habe ja noch einen Hauptjob als Concepter für Websites und dadurch mit Internet, Gestaltung und Social Media zu tun. Berlinstagram war nie geplant und zunächst eher ein netter Versuch. Aber er fruchtet. Außerdem mag ich das Wortspiel aus Berlin und Instagram. Sagt man Berlin-Instagram oder Berlinstagram? (lacht) Berlinstagram. Machst Du von einem Motiv viele Fotos oder nur einen Schnappschuss, der sitzen muss? Ich mache sogar richtig viele Fotos.

Du bist ziemlich erfolgreich mit Berlinstagram. Wie gehst Du damit um und wann ging es damit richtig los? Das ist über drei Jahre her. Wenn jemand zum Beispiel bloggt, will er bekannt werden. Darum ging es mir aber nie so und ich bin zwiespältig, was ich mit dieser ganzen Aufmerksamkeit machen soll. Ich sehe mich auch nicht als Fotograf. Instagram ist ein Zeitgeistding und der Stil der Fotos zur Zeit sehr populär. Davon leben muss ich nicht, dazu müsste ich auch viel mehr aquirieren. Mit Visit Lisboa* etwa habe ich versucht, etwas anzuschieben und ihnen meine Instagram-Fotos aus Lissabon angeboten. Aber im Social Media-Bereich agieren sie noch nicht so sehr. Außerdem überlege ich, ein Buch mit meinen Fotos zu veröffentlichen.

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Woher hast Du Deinen Blick für das Besondere? Ich ziehe selten gezielt los, um Fotos zu machen. Seit zwei Jahren arbeite ich in einer Internetagentur und das Meiste liegt auf dem Weg dorthin. Manchmal mache ich keine Fotos. Aber mein Auge ist inzwischen so krass geschult, dass ich selbst verwundert bin, wie viele Motive es hier gibt. Es ist auch nicht so, dass ich danach jage. Ich sehe es eben einfach.

Was hast Du zuletzt fotografiert? Die Straßenbahnen auf dem Weg hierher. War im entscheidenden Moment schon mal der Akku leer? Nein. Als Profi hat man immer ein Ladegerät dabei, wenn man unterwegs ist. (lacht)

Das iPhone schon mal zu spät gezückt? Das habe ich immer griffbereit am Drücker. Warum Instagram? Das Erfolgsgeheimnis von Instagram ist wohl der Retro-Stil. Dieser Filter, der an alte Polaroid-Aufnahmen erinnert, hat Instagram vermutlich so populär gemacht. Das App-Icon ist ja schon so retro. Momentan nutzen viele auch VSCO Cam, mit dem klassisch analoge Filme simuliert werden.
Wie viele Deiner Fotos zeigst Du derzeit auf Instagram? Etwa 3500. Wie viele Follower? 248000.** Es gibt darunter  auch kritische Stimmen. Manchmal fragen mich Teenies „Was machst du denn da?“. Die haben dann Tierbilder auf ihren Seiten und verstehen nicht, was ich mache. Meine Fotos sind ja schon eher dreckig. Dank Instagram habe ich aber auch viele Leute kennengelernt und hatte die Ehre, den Gründer von Instagram, Kevin Systrom, zu treffen. Seit einem halben Jahr betreibt Instagram auch Communitypflege und hätschelt die mit den meisten Followern,zu denen ich in Deutschland gehöre. In Dänemark zum Beispiel ist Instagram aber wesentlich populärer, als hier. Mark Zuckerberg*** war schon schlau, das zu kaufen.

Süchtig nach Likes? Das ist die Gefahr, die Falle, in die man reintappt. Man erwartet die Likes. Wenn ich ein Foto hochlade, dann rattert es los. In einer Minute sind es 100, im Durchschnitt bekomme ich 3000 pro Bild. Welches ist das beliebteste Bild? Ein Mädchen, das im Sonnenuntergang steht. Dafür gab es 9000 Likes.

Was fällt Dir leichter, als fotografieren? Gute Frage. Früher habe ich Graffi tis gemacht. Das kann ich gut. Ich wollte auch mal Architekt werden. Bis ich mir einen Computer gekauft und Photoshop entdeckt habe. Dann kam das Internet. Wenn mich etwas interessiert, dann kann ich mich da reinsteigern, da bin ich Perfektionist. Was nimmst Du außer Deinem iPhone gerne in die Hand? Schöne Frage, so um die Ecke gedacht. Vor drei Monaten waren das noch Zigaretten. Aber ich rauche
nicht mehr.

michael schulz - berlinstagramm

 

 

 

 

 

* Portugiesisches Tourismusbüro
** Stand: 10. Januar 2014. Am 5. Februar waren es bereits 264495
*** Facebook-Gründer Mark Zuckerberg

 

Einen lieben Dank für dieses spannnende

Interview an:

Autorin: Mononna Ciccone

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