Berlin Polen Schlesien – Und die Liebe

Im Oktober durfte ich an einer goldenen Hochzeit im bergischen Land in NRW teilnehmen. 50 Jahre verheiratet, heute nicht mehr so oft gesehen, eine beeindruckende, gemeinsame, menschliche Leistung. Zwei lächelnde gelöste herzliche glückliche Menschen, die auf viel zurückblicken können und vieles durchgestanden haben müssen und zwei lebensfrohe Töchter ins Leben gesetzt haben.

Die Schwester des Bräutigams hielt eine rührselige, fast dichterische intelligente Rede mit viel Tiefgang, wirkte aber zum Rest der Gesellschaft distanziert. Wie immer kam ich mit Menschen ins Gespräch und wollte wissen, ist sie kurz vor oder nach ihrem Bruder geboren, der 1947 zur Welt kam. Sie wurde zum Kriegsende des zweiten Weltkriegs geboren und wuchs bei einer Pflegefamilie auf, keiner spricht es aus, aber es könnte ein Russe als Vater im Spiel gewesen sein, ihr Name ist auch russisch. Die älteste Tochter des Brautpaars hielt eine weitere emotionale Rede, wobei viele Tränen flossen. Statistik zu Beziehungen (sie arbeitet in einem technischen Beruf ) und viele herzliche Momente wurden der Gesellschaft angemessen vorgetragen, Gänsehaut bei allen im Raum. Fußball bestimmte ihr Leben, Vereinsleben und es wurde, wie früher üblich, viel gereist, von Ungarn bis Kanada und mit vielen Freunden im Verbund gezeltet, Lagerfeuerromantik entsteht im Raum.

Viele Gäste wollen mit mir sprechen, der Berliner, das bist Du also. Es stellt sich heraus, ein Großteil der Gäste kommt aus dem Osten Deutschlands oder wohnt dort. Ein Gast wohnt in Nordbrandenburg und arbeitet in Berlin-Marienfelde, er hat selber „rübergemacht“ der Liebe wegen, er stammt aus dem Bergischen. Andere kommen aus Rostock und Sachsen, haben nach dem Krieg im Bergischen gelebt und sind jetzt zurück an der Ostseeküste, um die Rente zu genießen, Zuhause. Der Rostocker berichtet mir, seine Frau aus Sachsen hat oft Heimweh. Nach Sachsen, nicht nach NRW. Ein fleissiger Bauunternehmer in den Vierzigern klärt mich über die Vorzüge von verschiedenen Antriebssystemen von LKWs auf, ich bin technisch überfordert, aber interessiert. Er kommt aus Sachsen-Anhalt und ist nach der Wende hierhin gezogen und hat eingeheiratet. Er berichtet mir noch von Besuchen in der Heimat und das vieles dort noch dauern wird.

Ich gehe vor der Tür eine Rauchen und schnappe ein paar Dialoge auf: „Die Flüchtlinge sind endlich aus der Sporthalle gezogen, alles ist verwüstet, jetzt muss erst renoviert werden…das wird eh schwierig mit der Integration, es sind schon vorher zu viele Ausländer hier gewesen….“.

Irgendwann komme ich mit der Großcousine des Bräutigams ins Gespräch, ihr Mann ist kürzlich verstorben. Ich erinnere mich an ihren 70.Geburtstag vor kurzem und wie sie glücklich tanzten. Sie ist schon immer sehr lebenslustig und warmherzig gewesen. Damals fiel mir schon auf, es gab viele polnische Gäste. Ich erwähne, Du kommst doch ursprünglich aus Polen. Das war ein Fehler. Mir schallt voller Stolz entgegen, dass sie Schlesierin wäre. Damit wäre das Gerücht auf polnische Vorfahren in der Familie geklärt, es sind schlesische Vertriebene aus und nach dem Weltkrieg und erklärt auch den originellen sympathischen Dialekt, der sich nicht wirklich immer deutsch anhört. Ihre Meinung zur Sporthalle ist auch eindeutig, sie schätzt es nicht. Mir gehen Gedanken durch den Kopf. Die Tochter des Bräutigams erwähnte irgendwann, der nachgezogene polnische Teil der Familie (äh schlesisch, jetzt weiss ich es genauer) kam in den 80er Jahren und bekam zinslose Darlehen und andere Gelder, hier waren viele Eingesessene nicht begeistert. Es wundert mich, es sind doch Deutsche und Christen, kam mir gleich in den Sinn, und die Familie des Bräutigams wurde in Kattowitz geboren. Später sitze ich mit der Ex-Schwiegermutter der Tochter des Brautpaars zusammen. Sie herzt mich jedesmal, obwohl sie die Mutter ihres Ex-Mannes ist und ich anscheinend der Nachfolger. (hat jeder die Verwandtschaftsverhältnisse verstanden? Ich komme selber kaum noch mit!). Sie pflegt seit Jahrzehnten ihre behinderte Tochter und liebt die Amigos und andere Schlagerberühmtheiten. Beide rufen mich sogar zu jedem Geburtstag an. Es stellt sich heraus, sie kommt aus Wörlitz! Schon wieder Sachsen-Anhalt. Sie schwärmt von Heimatbesuchen bei alten Freunden und ich finde heraus, nicht jeder ist zum Kriegsende gegangen, viele sind in den 50er Jahren in den Westen gekommen.

Jetzt habe ich mich entschlossen, ich muss mit einem Nordrhein-Westfalen sprechen und suche. Ich probiere einen anderen Gast, der lupenreines Bergisch spricht….Fehlalarm- kommt aus Thüringen! Die Freundin eines Enkels des Brautpaars, mein nächster Versuch: Fehlanzeige, die Mutter ist echte Polin! Das kann nicht das Ende sein, daher spreche ich mit der Braut, der Mutter meiner Freundin, Volltreffer! Sie ist hier geboren und auch ihre Eltern kommen aus Solingen, zumindest der Vater. Ich arbeite mich weiter vor, ein Zahnarzt hier aus der Gegend…ich glaube er war beim Gespräch zum Thema Überfremdung beteiligt. Es gibt sie also, mindestens ein Drittel kommt aus Nordrhein-Westfalen und scheint mehr als eine Generation hier zu sein, naja, ich kann natürlich nicht alle ausfragen :-).

Erinnerungen kommen mir in den Sinn. Meine Mutter ist Griechin und lernte meinen Vater in einem Heim für Gastarbeiter in Berlin in den 60er Jahren kennen. Sie kommt aus dem Epirus, eine sehr bergige Region im Nordwesten Griechenlands, die sich bis nach Albanien erstreckt. Die Alliierten unterstützten nach Ende des 2.Weltkrieges die königstreuen Kräfte in Griechenland bis 1949 gegen die Kommunisten im griechischen Bürgerkrieg. Meine Mutter musste als Kind nach Albanien flüchten und betrat erst 1960 wieder ihre Heimat, kurz bevor sie von der Bundesrepublik Deutschland als Gastarbeiterin angeworben wurde. 1978 reisten wir nach Warschau, ich war 7 Jahre alt. Wir besuchten meinen Großonkel, der als kommunistischer Partisan bis 1981 nicht zurück nach Griechenland einreisen durfte. Mein prägendstes Erlebnis: Die Schlange beim Bäcker ging morgens um den Block herum. Uns geht es heute wirklich gut, keiner muss für Brot anstehen, jeder Europäer darf wohnen und arbeiten wo er möchte in der EU.

Im Sommer übernachte ich geschäftlich in einem Hotel in NRW. Abends sitze ich mit Kollegen zusammen, die gleichen Themen wie zur Zeit üblich. Im Nachbardorf hätten die Asylanten im Supermarkt gestohlen. Man fragt mich, wie ist das in Berlin, ob ich mich bedroht fühle, Angst habe, was bei uns vorgeht. 30 Sekunden vergehen bis ich die Frage verarbeitet habe. Ich gebe zu verstehen, in meiner Gegend, im Dreieck Tempelhof, Kreuzkölln, Steglitz lebt man miteinander, leider kann ich die hier wohnenden Ausländer nicht von den Flüchtlingen unterscheiden. Für mich hat sich nichts verändert, ich kaufe beim Vietnamesen, Türken, Thai, Araber die besten Speisen, bringe meine Wäsche zum Kurden. Tausche mich mit meinen internationalen und deutschen Nachbarn gut aus. Leider kann ich zu der Diskussion nicht viel beitragen.

Montag, Sven kommt zum Pizzaabend mit 2.Liga Spitzenspiel auf Sport1,Chef-Designer bei einem Onlinehändler und hat eine sehr charmante Polin geheiratet. Er berichtet mir von seinen Neuigkeiten. Sie haben grenznah in Polen ein Grundstück und ein altes Haus gekauft, die Preise sind noch super und viele Deutsche bauen und kaufen jetzt dort. Sowohl am Wochenende, wie auch für den ruhigen Lebensabend eine praktikable Lösung. Gut zu erreichen, ländlich und bezahlbar. Womit wir wieder zurück in Polen wären……

Tja, was ist sonst zum Thema Liebe kurz vor Weihnachten anzumerken: Seit vielen Jahren führe ich eine glückliche Fernbeziehung mit der Tochter des goldenen Hochzeitsbrautpaares aus dem bergischen Land in Nordrhein-Westfalen. Und man glaubt es kaum, sie möchte bald nach Berlin ziehen und ihre Heimat verlassen. Auch sie verlegt ihren Heimatort, natürlich aus Gründen der Liebe. Und am liebsten würde sie im Bergmannkiez leben. Sie schätzt in Berlin, dass man sich hier kennt, wie auf dem Dorf. Die Menschen sind herzlich, offen, freundlich und man trifft überall Bekannte, der Friseur, der Schneider, die Köche beim Vietnamesen, der Dönerverkäufer, sogar die Verkäuferin an der Kasse, jeder hat ein freundliches Wirt auf den Lippen und ist herzlich. Sie ist sicher, als Fremde wird sie hier überall mit offenen Armen aufgenommen….

Für Euch schrieb:
Christos Arndt, ist regelmäßiger CLIQUE-Leser und zufällig der Bruder der Herausgeberin dieser Zeitschrift. Er ist in einer leitenden Funktion bei der LVM Versicherung tätig.

Foto oben/headline: Christos und Meike

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