Auch immer Ärger mit den Lehrern?

v.l. Anita Tusch u. Gerlinde Unverzagt verkleinert

mit Gerlinde Unverzagt am Luise-Viktoria-Platz zum Plausch

Wie komme ich immer zu den Menschen, über die ich schreibe? Eltern unter uns kennen das, wer Kinder hat regt sich sicherlich über Lehrer auf. So erging es auch mir. Bei einem Termin erwähnte ich mein Ärgernis über einen Lehrer an der Schule meiner Tochter und ich bekam prompt ein Buch in die Hand gedrückt. „Das Lehrer-Hasser-Buch“ von Lotte Kühn. Na, eigentlich heißt sie ja Gerlinde Unverzagt und genau diese Geschichte möchte ich Euch erzählen. Rein ins Buch geschaut, im Internet recherchiert, Website gefunden,  Telefonnummer vorhanden, begeistert darüber, dass die Schriftstellerin im Süden Berlins wohnt: angerufen! Ohh, die Frau ist im Stress, das merke ich sofort. Irgendwie hab ich beim ersten Mal eine Abfuhr bekommen, nicht wirklich verbal ausgedrückt, aber ich spürte es. Bei meinem zweiten Anruf fühlte ich mich nicht viel besser. Doch siehe da, Frau Unverzagt rief mich wider Erwarten an und meinte: Komm, lassen Sie uns einen Termin ausmachen!
Nun sitzen wir beide am Viktoria-Luise-Platz, wir werden recht schnell warm miteinander und sie entschuldigt sich auch mit einem „Ich hab immer so viel zu tun“ ….und ich freu mich einmal wieder eine interessante Geschichte zu hören, die mitten unter uns passiert ist.

Gerlinde Unverzagt ist seit 1984 bei verschiedenen renommierten Zeitungen und Zeitschriften als freiberufliche Journalistin tätig. Bisher hat sie 32 Sachbücher geschrieben. Die meisten davon haben mit Familie und alles was dazugehört zu tun. Mich interessiert in erster Linie „Das Lehrer-Hasser-Buch“ mit dem Untertitel „Eine Mutter rechnet ab“. Ich habe Auszüge gelesen, finde mich in dem Buch wieder und denke zum ersten Mal „ich bin ja doch ganz normal“. Die Schwierigkeiten im Umgang mit Lehrern sind bei näherer Sicht und offener  Kommunikation scheinbar gar nicht so selten. Dass Gerlinde mit genau diesem Buch einen empfindlichen Nerv getroffen hatte, erfuhr sie jedoch erst später. Das Lehrer-Hasser-Buch wurde im November 2005 erstmalig veröffentlicht. Danach passierte an sich erst einmal
gar nichts. Im Januar 2006 kam der Spiegel-Verlag auf sie zu und fragte, ob sie sich nicht outen möchte. Denn das Lehrer-Hasser-Buch schrieb Gerlinde unter dem Pseudonym „Lotte Kühn“. Nein, das wollte Gerlinde auf keinen Fall. Sie hatte bewusst ein Pseudonym gewählt um ihre 4 Kinder geschützt durch die Schulzeit bringen zu können. Schließlich beschrieb die alleinerziehende Mutter wahrhaft erlebte Geschichten, denn ihre Kinder brachten es damals schon auf 26 Schuljahre. Nur die Namen in dem Buch veränderte sie sehr  phantasievoll. Na gut, und ein bisschen überzogen hat sie es auch.

Doch wenige Zeit später sollte es eine Situation geben, die sie dazu zwang, die Anfrage des Spiegel-Verlags dann doch anzunehmen. Ihr 8-jähriger Sohn kam eines Tages weinend nach Hause. Er wirkte verzweifelt und wie sie unter Tränen erfuhr, wurde er von einer Lehrerin auf genau dieses Buch angesprochen: „Stimmt´s, das Buch hat doch Deine Mutter geschrieben, oder? Verwirrt und in die Ecke gedrängt gefühlt, gestand der Junge. Was jedoch wirklich schlimm für Mutter Gerlinde war, ist dieser eine Satz, mit dem er seine Situation beschrieb. „Mama, ich hab Dich verraten!“. Sie tröstete ihren Sohn, der gerade erst die 3. Klasse besuchte. Jede Mutter, jeder Vater unter uns kann den Schmerz nachempfinden, der in diesem Moment wie ein Stich mitten durch´s Herz schiesst. Die erste Frage, die sich einem aufdrängt: Warum wird mein (erst 8-jähriges) Kind von einem Lehrer derart angesprochen? Die Frage ist schwer zu beantworten, oder liegt die Antwort eventuell im Lehrer-Hasser-Buch ?!
Nun galt es schnell zu handeln, bevor sich hinter vorgehaltener Hand unwillkürlich herumspricht, wer der wahre Autor des Buches ist. Gerlinde rief den Spiegel-Journalisten an und bat nunmehr doch um ein Treffen. Die Flucht nach vorne ist oftmals ein gut gewählter Weg – was danach kam – damit konnte sie nicht rechnen. Ihr „Outing“ ist im Spiegel kurze Zeit später erschienen. Danach klingelte das Telefon pausenlos. „Ich dachte es ist die Hölle, doch es wurde noch schlimmer“, erzählt Gerlinde. Diverse Einladungen zu  verschiedensten TVFormaten folgten. „Es war für mich eine Horrorzeit. Da ich leidenschaftlich gerne hinter meinem PC sitze und meine Gedanken zu Papier bringe, waren die ständigen Reisen und Auftritte für mich und meine Familie eine harte Strapaze. Doch am Schlimmsten war es nach dem Besuch bei Günther Jauch, sternTV. Der Sender bekam nach der Ausstrahlung über 30.000 E-Mails von Eltern sowie Lehrern. Ich selbst habe danach bis zum heutigen Tag ca. 7.000 E-Mails erhalten. Es waren furchtbare Geschichten bei, die das Erlebte aus meiner Sicht jedoch noch bestätigten. Ich war nicht alleine. Jede dieser Emails habe ich beantwortet, denn der Verantwortung, die ich durch das Buch und mein Outing hatte, wollte ich unbedingt gerecht werden. Ich wollte eine Diskussion anstoßen, den Eltern mehr Mut zusprechen mit den Lehrer zu kommunizieren und auch einmal zu sagen: „Hey, es läuft gerade nicht so gut, wir sollten miteinander reden“.

Mutti packt aus - Bekenntnisse einer Spassbremse

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Das Buch wurde bisher über 320.000x verkauft. Derzeit ist sogar eine Neuauflage geplant. Mittlerweile ist es wieder ruhig geworden. In Wien ist Gerlinde gerade eingeladen worden über Bildung und Schulsysteme zu sprechen. Für den TIP hat sie kurz zuvor einen umfangreichen Artikel zum Thema „Privatschulen – aus der Sicht der Eltern“ fertiggestellt. Hierzu hat sie wahnsinnig viele Gespräche mit Eltern geführt um sich einen umfangreiches Bild zu verschaffen. Geschrieben hat sie auch danach ununterbrochen. So erschienen weitere Bücher wie „Schulversagen“. Dies ist ein journalistisches Buch mit dem Schwerpunkt: Das Versagen von Schülern ist das  Versagen der Schule.
Das Buch „Elternabend“ verfasste sie anhand der vielen Emails, die sie nach ihrem Outing erhielt und fasste die Berichte, die sie bekam zusammen. Ein weiteres Buch steht unter dem Titel: Mutti packt aus – Bekenntnisse einer Spaßbremse. Hier hat sie eine Glosse über das Familienleben zusammen gefaßt. Am besten Ihr schaut einfach mal in das ziemlich große Repertoire auf ihrer Website!

Gerlinde macht auf mich einen unheimlich emsigen Eindruck. Eigentlich ist sie auch schon wieder in den Startlöchern. Sie hat viel erlebt und viel Erlebtes erzählt bekommen, dennoch hört sie aufmerksam auch meine „Schul-Erlebnissen“ mit Empathie an. Sie selbst wirkt auf mich gefestigt, überzeugt, dass es wichtig ist uns Vätern und Müttern klar zu machen: Ihr seid nicht alleine, vieles was jeder einzelne von uns erlebt – gibt es auch woanders! Das schafft eine gewisse Normalität für einen selbst – obwohl es doch so oft so  verdammt „unnormal“ auf uns wirkt. Ihre Familie hat diese Zeit noch mehr zusammengeschweißt. „Wir sind stolz auf uns selbst“, erzählt sie mir mit einem festen Blick und ich bin froh, dieser Frau über den Weg zu laufen, denn in ihren Büchern mag vieles überzogen beschrieben worden sein – doch nahe an der Realität ist diese Frau ganz sicher, oder? Lest selbst und verschafft Euch einen Eindruck.
Klasse Schriftstellerin, weiter so…Frau Unverzagt!
Kontakt: http://www.gerlinde-unverzagt.de

PS: Dieser Beitrag stammt aus der AUGUST Ausgabe der CLIQUE 3-2013

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