90 Minuten im Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister, Michael Müller

Zugegeben, wir waren total aufgeregt – schon vor der Fahrt ins Rote Rathaus. Spätestens als wir vor dem Amtszimmer des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller, Platz nehmen durften, wussten wir – jetzt wird es wahr. Wir haben gleich ein Gespräch mit dem Mann, der die Hauptstadt erst einmal bis zur nächsten Wahl im Jahre 2016 Berlin führen wird!

Der Tisch ist gedeckt. Kaffee, Tee, Kekse und Michael Müller selbst, bot uns noch kalte Getränke an. Es war völlig unkompliziert. Wir dachten, dass wir viel strenger kontrolliert werden. Jemand sogar unsere Fragen vorher sehen möchte. Was dürfen wir fragen – was nicht?! Jemand, der das Interview begleitet? Vielleicht uns sogar einschränkend zurechtweist? Gar nichts. Wir sind völlig alleine mit dem Regierenden Bürgermeister. Die Atmosphäre ist locker. Entspannt sieht er aus – unser Bürgermeister. Das fällt schon zu Anfang des Gespräches auf und das sollte auch so bleiben.

Besuch beim Bürgermeister von Berlin Michael Müller im roten Rathhaus.

Wie fängt man ein Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister an? Da wir ja doch irgendwie immer anders „ticken“ haben wir ihm zur Auflockerung des Interviews (was gar nicht nötig war, denn er ist total locker) schon einmal gesagt, worüber wir nicht sprechen wollen. Im „Dieter-Thomas-Heck-Style“ ratterten wir die aktuellsten Berlin-Themen runter: Wir wollen nicht über Themen sprechen, die man überall lesen kann. Also, keine Fragen über den BER, das Stadtschloss, öffentlichen Nahverkehr, Asylantenfragen, bezahlbare Wohnungen für Berliner… und…. er begann wieder zu lächeln und sagte: „Na, dann mal los mit der ersten Frage!“

CLIQUE: Wowereits Standardspruch für Berlin ist „arm aber sexy“. Was ist Berlin für Sie? Haben Sie auch so eine Art Leitspruch für Berlin? Natürlich möchte ich weg von „arm aber sexy“. „Reich und sexy“ wäre doch eigentlich besser, oder? Eine solche Überschrift wie sie Klaus Wowereit in einer Rede mehr zufällig kreierte, so etwas ergibt sich, das kann man nicht beschließen. Berlin ist meine Heimatstadt und sie ist aufregend. Woanders zu leben als hier, kann ich mir nicht vorstellen.

Wollten Sie vor der Ernennung zum Bürgermeister „schon immer“ mal Bürgermeister werden? Nein, so etwas kann man ja nicht planen. Meine Arbeit als Senator für Stadtentwicklung hat mir sehr viel Spaß gemacht. Das ist für mich noch immer eines der spannendsten Ressorts, die man als Senator leiten kann.

Haben Sie sich schon immer für Politik interessiert? Wann ist Ihnen das erste Mal bewusst geworden, in die Politik zu gehen? Mit Politik habe ich recht früh angefangen. Politisch interessiert war ich schon mit 15 Jahren. Mit 17 bin ich in die SPD eingetreten. Politik war mein Hobby, das ich dann zu meinem Beruf machen durfte. Das ist ja eigentlich genau das, was man sich für seinen Beruf wünscht.

Besuch beim Bürgermeister von Berlin Michael Müller im roten Rathhaus.Wie passte das? Der Sprung vom Senator zum Bürgermeister. Kann man sich darauf vorbereiten? Da ich seit über 20 Jahren in der Politik tätig und mit den Abläufen vertraut bin, ist es keine riesige Umstellung, auch wenn man sicher nochmal stärker im öffentlichen Fokus steht. Mit einem Rücktritt von Klaus Wowereit hatte ich so nicht gerechnet. Doch der Zeitpunkt, die Konstellation, es passte alles.

Zwischen dem Mitgliederentscheid und der Antrittszeit lagen 8 Wochen, um sich auf das Amt des Bürgermeisters vorzubereiten. Wie ist das so? Was macht man in dieser Zeit? Am 18. Oktober 2014 habe ich durch den SPD-Mitgliederentscheid die Kandidatur als Berlins Regierender Bürgermeister gewonnen. Bis zum Amtsantritt am 11. Dezember 2014 mussten viele Gespräche mit verschiedenen Ressorts geführt werden. Das Team wurde zusammengestellt. Vom persönlichen Büro, über die Pressesprecherin bis hin zu den Senatoren und Staatssekretären mussten Entscheidungen getroffen werden. Für mich persönlich waren diese acht Wochen eine sehr spannende Zeit und eine wichtige Orientierung.

Wie hat ihre Familie reagiert? Gemischt. In erster Linie haben sie sich für mich natürlich gefreut. Gleichzeitig stellte sich aber auch die Frage, was sich für uns als Familie ändern würde. Als Senator war die Familie schon vieles gewohnt. Doch im Amt des Bürgermeisters verändert sich doch noch einiges mehr. Polizei steht vor der Tür und 80 Prozent aller Termine werden von Fotografen begleitet. Es war schon die Sorge vorhanden, ob sich Einschränkungen ergeben werden. Auch die Arbeitszeit war eine Diskussion. Doch ich habe schon als Senator bis zu 16 Stunden am Tag gearbeitet. Das mache ich auch heute. Mehr geht nicht. Und mit der medialen Begleitung haben wir uns alle inzwischen langsam an- gefreundet.

Als Senator widmet man sich seinem Ressort, als Bürgermeister ist die ganze Stadt wichtig. Wie gehen sie mit dem breiten Themenspektrum um? Ich sehe dieses breite Themenspektrum sehr positiv. Dadurch lerne ich nicht nur die Stadt, sondern auch die Menschen in dieser Stadt nochmal von einer neuen Seite kennen. Als Senator habe ich mich natürlich auf mein Ressort konzentriert. Jetzt sind die Themen noch vielfältiger und das macht es noch spannender. Beispielsweise genieße ich es als Kultursenator von Berlin – dieses Amt habe ich ja zusätzlich übernommen – auch hinter die Kulissen der breit gefächerten Kulturlandschaft in Berlin zu schauen. Mich mit den Intendanten und Künstlern auszutauschen, macht mir viel Spaß!

Besuch beim Bürgermeister von Berlin Michael Müller im roten Rathhaus.Was erwarten die Berliner von Ihnen? Die Anforderung an das Amt birgt eine riesige Erwartungshaltung, die Dinge sofort von einem Tag auf den anderen ändern und klären zu müssen. Das geht natürlich nicht immer, ist aber typisch für einen Stadtstaat wie Berlin oder auch Hamburg. Olaf Scholz in Hamburg hat es mit einem ähnlichen Phänomen zu tun. Wir sind hier alle viel nä- her beieinander. Die Bürger sehen die Wege als kürzer an. In einem Flächenland wie Nordrhein-Westfalen ist das ganz anders. Wenn dort in Köln „eine Laterne um- fällt“, dann wendet sich niemand sofort an die Minister- präsidentin Hannelore Kraft. Das ist hier anders. Dieser Erwartungshaltung so gut es geht gerecht zu werden, daran arbeite ich mit meinem gesamten Team jeden Tag

Was machen Sie als Freizeitausgleich? Ich treibe gerne Sport. Am Wochenende, wenn nicht so viele Termine zu absolvieren sind oder ich im Urlaub bin, lese ich gerne. Oder ich schaue auch mal Fernsehen, dann gerne Krimis. Ich sehe gern Fußball. Am liebsten direkt im Stadion, wie beispielsweise beim letzten Champions League Finale im Berliner Olympiastadion, das war schon ein tolles Event – auch für Berlin. Spielen Sie denn selbst Fußball? Nein, nicht heute und auch früher eher mal auf dem Schulhof oder bolzen im Park. Ich habe schon viel ausprobiert, Rudern, Tennis, Squash oder ich gehe ins Fitnessstudio.

Wissen Sie wie Ihre Außenwirkung ist? Ist Ihnen bewusst, wie man über Sie denkt? Er muss lächeln: Das liest man ja in etlichen Zeitungen. Ich wirke bieder, farblos, oder auch nüchtern, manche nennen es seriös. Natürlich bin ich im Gegensatz zu Klaus Wowereit weniger schillernd. Ich möchte authentisch bleiben und mich nicht für die öffentlichkeit verbiegen. Letztendlich liegt es immer im Auge des Betrachters. Die einen wünschen sich vielleicht mehr „Farbe“, die anderen schätzen die Ruhe und Souveränität, die ich ausstrahle und mit der ich die Dinge in Angriff nehme.

Was wollen Sie für Berlin umsetzen? Was wünschen Sie sich? Besuch beim Bürgermeister von Berlin Michael Müller im roten Rathhaus.Wir werden den Flughafen zur Eröffnung bringen. Das Ziel ist, bis 2016 die baulichen Aktivitäten abzuschließen und dann in den Probelauf für die Eröffnung zu gehen. Wichtig ist mir zudem, noch mehr Arbeitsplätze zu schaffen.Die inzwischen wieder gute wirtschaftliche Situation muss weiterhin verstärkt werden. In unsere Stadt kommen sehr viele Menschen, auch aus dem Ausland, um hier zu studieren oder zu arbeiten. Die Start-Up-Szene boomt. Berlin hat sehr viel Energie. In letzten Jahr wurden € 800 Mio. privates Kapital allein in Start-up-Projekte investiert.

Wie kommt es denn, dass die Stadt sich so rasant entwickelt? Ein Beispiel: Da wo Sie gerade sitzen, saß kürzlich der Bürgermeister von Tel Aviv. Er fragte mich, was ich denn hier machen würde, dass alle seine jungen Bürger und Kreativen unbedingt nach Berlin wollen. Ich sagte ihm, dass wir uns freuen, wenn wir hier neue Kreative begrüßen können, die in unserer Stadt lernen und kennenlernen wollen. Daraufhin antwortete er, dass das natürlich gut ist, doch leider wollen dann auch alle dauerhaft in der Stadt bleiben. (Er lächelt schon ein bisschen stolz.) Berlin ist zum Anziehungspunkt gerade für junge Menschen, aber auch für viele andere geworden. Seit dem Mauerfall – also in den letzten 25 Jahren –sind 1,7 Mio. Neu-Berliner in unsere Stadt gekommen. Wir sind heute knapp 3,5 Mio.. Es hat also auch ein großer Austausch stattgefunden, der die Stadt auch gerade für die junge Generation und junge Familien spannend macht. Mit unseren Universitäten, dem Standort Adlershof und den vielen, auch englischsprachigen Start-Ups, bieten wir einen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Standort, der attraktiv ist und das nicht nur für Investoren.

Sie wohnen im Süden Berlins, speziell in Tempelhof. Was gefällt Ihnen hier besonders? Es ist die Mischung aus Stadt und Zentrum. Ich bin schnell im Stadtkern, wir haben im Süden eine tolle Infrastruktur, viel Grün und eine hohe Wohnqualität. Die Bezirke Tempelhof, Schöneberg, aber auch Steglitz sowie Zehlendorf sind in den letzten Jahren deutlich und positiv gewachsen.

Tauschen Sie sich aus, bzw. wen fragen Sie um Rat? Ja, ich tausche mich oft aus. Natürlich auch noch regelmäßig mit Klaus Wowereit, mit dem ich freundschaftlich verbunden bin. In früheren Zeiten habe ich gerne das Gespräch mit Dietrich Stobbe (Bürgermeister a.D.) gesucht, der leider bereits verstorben ist. Er fehlt uns sehr. Auch Walter Momper, dessen Regierungszeit auch nicht immer problemfrei verlaufen ist, ist ein vertrauter Gesprächspartner. Es sind verschiedenste Runden, in denen regelmäßig ein AusBesuch beim Bürgermeister von Berlin Michael Müller im roten Rathhaus.tausch stattfindet.

Wie finden Sie Ihr Amtszimmer und würden Sie gern hier etwas verändern? Es gibt schlechtere Büros (und lächelt verschmitzt. Ja, das finden wir allerdings auch.) Na klar, ein paar Sachen werde ich wohl verändern. Vielleicht das eine oder andere Bild austauschen…aber das hat Zeit.

Haben Sie sich schon einmal selbst gegoogelt? Lacht schon wieder: Das ist bestimmt zwei Jahre her. Als Senator, da habe ich mal nach einem Bild gesucht und es gegoogelt. Jetzt als Bürgermeister habe ich das noch nicht gemacht.

Wo kommen Sie an Ihre Grenzen? Es ist oftmals ein Spagat, den man an manchen Tagen hinlegen muss. Da ist man gerade im Interview, dann musst du im nächsten Moment zu einem Richtfest. Hier hat man sich über Stadtentwicklung unterhalten und schon im nächsten Termin geht es um Kultur oder Wissenschaft. Das erfordert eine hohe Konzentration. Oftmals bereite ich mich dann im Auto auf dem Weg vor.

Aber sicher haben Sie dafür doch ein gutes Team, das Sie vorbereitet?! Ja sicher! Die ganze Senatskanzlei unterstützt mich, und ein Team direkt um mich herum. Besuch beim Bürgermeister von Berlin Michael Müller im roten Rathhaus.Ich bekomme für jeden Termin eine Mappe mit allen Informationen, die ich für diesen Termin benötige, damit ich mich optimal auf das Thema und die Gesprächspartner vorbereiten kann. (Auf einmal grinst er und deutet auf eine blaue Mappe, die vor ihm auf dem Tisch liegt.) So wie diese Mappe hier, in der alles über Sie steht. Dinge, die Sie vielleicht selbst noch nicht wussten. …(das Lächeln wird verschmitzter und wir schauen uns an und flüstern…oh mein Gott, was steht drin?)

Und wo kommen Sie in Ihrem Amt an die Grenze, gibt es für einen Regierenden Bürgermeister überhaupt eine Grenze? Natürlich, als Land dürfen wir nicht in die Bezirke hinein regieren. Viele Aufgaben liegen auf der Bezirksebene und gerade dann, wenn es mal bei Verwaltungsfragen oder Themen hakt, komme ich auch als Regierender Bürgermeister nicht immer wei- ter. Natürlich, oft kann man einen gemeinsamen Weg finden, aber hier sind mir Grenzen gesetzt, die mich auch mal ärgern.

Kannten Sie die CLIQUE schon vorher? Ja, ich habe schon 5 oder 6 Hefte von Ihnen in der Hand gehabt. Das Magazin ist mir meist in Restaurants, oder ich glaube auch schon mal beim Sport über den Weg gelaufen.

Wissen Sie worüber wir schreiben? (#Test#Test :) ) Ja, das Magazin ist eine Mischung aus Kiez, Stadtleben, aber auch Unternehmen hier aus dem Süden Berlins. Sehr interessant und gut zusammengestellt.

Danke, ja stimmt…dürfen wir das rote Rathaus als Verteilerstellen benennen? Hier weicht der Bürgermeister elegant aus. Ein richtiges Nein gab es nicht….aber wir haben ja auch nur Spaß gemacht.

Berlin ist ein Dorf! Einer unser CLIQUE- Unterstützer war mit Ihnen zusammen in einer Klasse in der Grundschule und hat aus dem Nähkästchen geplaudert….! Ach was, wirklich?

Jaaa, …stimmt es, dass es in Ihrer Grundschulklasse mehrere Michael Müller gab und sie von einer Lehrerin umbenannt wurden in Rainer Müller?! Muss schon wieder lachen: Ja, das ist so richtig. Wir hatten zwei Michael Müller und einen Michael Schumann. Zu viele Michaels. Die Lehrerin in der Grundschule fragte uns, ob einer von uns noch einen zweiten Vornamen hat. Ich war der Einzige. Da machte sie aus mir Rainer, denn ich heiße mit vollem Namen Rainer Michael Müller. Nach der 4. Klasse bin ich auf die Oberschule gewechselt und wurde so wieder zu Michael Müller. Aber auf den ersten vier Zeugnissen stand dann wirklich immer Rainer Müller.

Wir haben fast 1 1⁄2 Stunden Zeit mit Michael Müller verbringen dürfen. Besuch beim Bürgermeister von Berlin Michael Müller im roten Rathhaus.Er hat sich Zeit für uns und unsere Fragen genommen. Nach dem Interview lud er uns zu einem Rundgang durch das imposante Rote Rathaus ein. Der Bürgermeister von Berlin führte unsmit seinen Personenschützern durch die Säle in denen Empfänge stattfinden, durch den Wappensaal und das schöne Eingangsfoyer des Rathauses. Wir gingen auf den Balkon und sahen von dort die Baustelle „Rotes Rathaus“ der U-Bahn-Station. Im Amtszimmer zeigte und erklärte er uns einige der Gastgeschenke in den Vitrinen. Dann dürfen wir noch ein schönes Abschiedsfoto mit ihm machen und verabschieden uns von Michael Müller, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin.

Wenn ihr vor ihm steht und mit ihm sprecht – dann kommt eine Menge Farbe zum Vorschein. Er kommt vielleicht nicht gerade wie „Wowi“, als der Partymacher rüber, aber als Macher…das wäre vorstellbar!

Autor: Anita Tusch, Bettina Kaul, Fotograf: Peter Röther pr-fotopress

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